04/05/16

Zusammen ist man weniger allein

Eine Retrospektive von Candice Breitz im Kunstmuseum Stuttgart befasst sich mit Klischees der Unterhaltungsindustrie

von Valérie Hasenmayer
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Candice Breitz, Abba Monument, Berlin, June 2007, 2007, Courtesy White Cube, London
Er ist ein wenig absurd, unser Besuch im Kunstmuseum am Stuttgarter Schlossplatz. Und doch irgendwie ganz real. Während sich draußen in der sonst so beschaulichen Stadt anlässlich einer außer Kontrolle geratenen Demonstration einer Erdogan-freundlichen, türkischen Politgruppe behelmte Polizisten und Aktivisten wie Katz und Maus jagen, wird drinnen im schicken Kubus etwas ganz anderes gespielt: Candice Breitz (*1972) kämpft mit offenem Visier gegen Gesellschafts-Klischees. Draußen Polit-, drinnen Kulturkritik. Beide Zustände sind auf ganz unterschiedliche Arten besorgniserregend. Während die draußen einen erschrecken lassen, bringen die drinnen einen vielmehr zum Schmunzeln und eröffnen einen zunächst recht harmlosen Diskurs.

Und doch: Blickt man in die Reihe schmerzverzerrter, heillos glatt geschminkten Gesichter weiblicher Hollywood-Lieblinge im Augenblick des Verlassen-Werdens, kann einem doch angst werden. Mal fürchterlich anhimmelnd, mal sich wieder und wieder entschuldigend, bestätigen sie das jammervolle, stereotypische Bild des schwachen Geschlechts – das doch längst keines mehr sein sollte. In Hollywood darf es bestehen bleiben. Und als ob das alles nicht schon entlarvend genug wäre, zieht Breitz den jammernden Chor noch ins Groteske, indem sie die Mimik der Frauen imitiert. Da ist noch nicht einmal ein Overacting notwendig.

Überhaupt ist das Motiv des – unfreiwilligen – Chores in Breitz‘ Ausstellung „Ponderosa“ allgegenwärtig – übrigens ein in Deutschland bislang einzigartiger Überblick über die Werke der in Johannesburg geborenen und in Berlin lebenden Künstlerin. Da gibt es einen dramatischen und stilisierten Chor wie im griechischen Vorbild, wenn Mini-Sequenzen aus Musikvideos zu dadaistischer Poetik mutieren. Oder einen nostalgisch anrührenden, wenn 30 Bob Marley-Fans dessen Songs singen und in einer Videoinstallation zum Kollektiv werden. Und dann gibt es wieder den nachdenklichen und grotesken Chor, wenn Migranten typisch deutsche Lieder intonieren oder Stars wie Alec Baldwin und Julianne Moore die Berichte Geflüchteter hollywood­reif nachsprechen. Und immer geht es dabei um ein Moment, das einerseits verbindend und vereinend wirken kann, und das dann andererseits stark befremdlich ist.

So schafft es Candice Breitz, dass wir als Besucher durch diese Ausstellung gehen, uns amüsieren und uns gut unterhalten fühlen, leise „Get Up, Stand Up“ mitsingen, uns ein wenig fremd- und ein bisschen selbst schämen, uns über andere wundern, mitfühlen, uns selbst ertappt fühlen – und uns am Ende fragen, wo da eigentlich genau die Grenze ist: zwischen Unterhaltung und Zeitvertreib, Krieg und Kritik, zwischen unserem eigenen Drinnen und dem Draußen der Anderen. Während wir uns hier amüsieren, klug über Ikonen und Popstars sinnieren und ein wenig Selbstkritik üben, kann dort ein kleiner oder ein großer Krieg toben, dem wir ab und an auch ein wenig Zeit widmen, vielleicht so viel wie der anschließenden Netflix-Serie. Oder viel weniger.

Als wir am Ende den gläsernen Kunst-Kubus verlassen, ist das Katz-und-Maus-Spiel schon wieder vorbei. Und wir können in Ruhe darüber nachdenken, welche Netflix-Serie wir später schauen wollen und ob wir doch lieber Sushi bestellen anstatt zu kochen. Zurück in unserem eigenen kleinen Ponderosa.     

 

Candice Breitz: Ponderosa.
Kunstmuseum Stuttgart
Kleiner Schlossplatz 1, Stuttgart.
Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag, Samstag und Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch und Freitag 10.00 bis 21.00 Uhr.
Bis 28. August 2016.
Zur Ausstellung erscheint eine Publikation: Kerber Verlag, Bielefeld 2016, 136 S., 38 Euro | ca. 46.90 Franken.

 

 

 




Kunstmuseum Stuttgart