03/05/16

Antagonistische Arrangements

Eher Dreifach-Solo als Gruppenschau: Hans Josephsohn, Katinka Bock und Fabian Marti im Kunstmuseum Luzern

von Tiziana Bonetti
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Hans Josephsohn im Kunstmuseum Luzern, courtesy Josephsohn Estate, Kesselhaus Josephsohn/Galerie Felix Lehner und Hauser & Wirth, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Luzern, Foto: Marc Latzel
Im Kunstmuseum Luzern zeigt Kuratorin Fanni Fetzer unter dem enigmatisch anmutenden Ausstellungstitel „Warum ich mich in eine Nachtigall verwandelt habe“ drei divergierende Künstlerpositionen. Mit diesem antagonis­tischen Arrangement geht die Kuratorin ein Wagnis ein. Während im ersten Raum der Ausstellung Arbeiten aller drei Künstler, Hans Josephsohn (1920-2012), Katinka Bock (*1976) und Fabian Marti (*1979), vertreten sind, zeigen die folgenden Ausstellungsräume jeweils Arbeiten eines der drei Protagonisten. 

Aus dem umfassenden Œuvre Josephsohns sind in den ihm gewidmeten Räumen monumentale archaische Messingskulpturen zu sehen. Ob auf dem Sockel stehend, als Flachrelief an der Wand hängend oder auf dem Boden liegend: Die an Menschen gemahnenden Riesenfiguren entwickeln eine raumgreifende Präsenz. Durch ihren hohen Abstraktionsgrad entziehen sich die plumpen Formen nicht nur einer porträthaften Individualisierung, sondern auch einer Narration. Indem die skulpturalen Arbeiten Josephsohns die Bezeichnung „Ohne Titel“ tragen, radikalisieren sie diese Tendenzen. Reduziert auf das Wesentliche – ein massiger Rumpf, auf dem ein voluminöser Kopf thront – mangelt es den amorphen Gebilden an Extremitäten, oftmals auch an Mund-, Augen- und Nasenöffnungen sowie an Ohren. Wo solche aber vorhanden sind, lassen sie sich nur als minime Erhebungen respektive Einkerbungen auf Oberfläche erahnen. Die ebenfalls auf der Oberfläche eingeschriebenen Spuren und Fingerabdrücke des Künstlers dokumentieren den Arbeitsprozess, den die Werke bis zu ihrem gegenwärtigen Zustand durchlaufen haben. Dergestalt lassen sich Josephsohns Skulpturen als auratische Zeugnisse menschlicher Bearbeitung lesen.

Einen Kontrast zu diesem wuchtigen Formenvokabular bilden die geradezu fragil wirkenden Installationen, mit denen Katinka Bock drei Ausstellungsräume bespielt: So ist die an einem Stahlkabel befestigte von der Decke hängende Skulpturbalance „Farben dieses Meeres Balance (zweifach)“ vom Verwesungszustand der Zitronen abhängig, welche am Ende einer waagerechten, metallischen Stange befestigt sind. Mit dem organischen Material der Zitrusfrüchte ist Bocks Arbeit nicht nur dem permanenten Prozess des Verfalls unterworfen, sondern auch einem Moment von Aleatorik und Kontingenz ausgesetzt. Dieses Moment hält auch in Bocks nichtfigurativer Arbeit „Tomorrow’s Sculpture“ Einzug: Die Installation aus zwei senkrechten Stahlträgern, die durch einen horizontalen Bronzebalken miteinander verknüpft sind, ist normalerweise in Südfrankreich in einem Skulpturenpark aufgestellt und unterliegt dem Zufall der Witterungsverhältnisse. Anlässlich der Ausstellung in Luzern hat Bock ihre Installationen und Videoarbeiten räumlich zueinander in Beziehung gesetzt. Aus vermeintlich hermetischen Arbeiten mit eigenem Charakter sind dadurch neue Werkkomplexe entstanden, die als instabile Entitäten neue Lesarten eröffnen. So steht die zuvor erwähnte Hängekonstruktion nicht etwa isoliert im Raum, sondern tritt in einen Dialog mit den Arbeiten „Seechamäleon” und der zu einem Kreissegment gefügten Arbeit „6 römische Bordsteinelemente“. 

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Katinka Bock, Seechamäleon, 2015; Farben dieses Meeres Balance (zweifach), 2014; Links Mittelmeer Rechts, 2016, courtesy oft he artist, Galerie Jocelyn Wolff and Galerie Meyer Riegger, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Luzern, Foto: Marc Latzel
Einen anderen Ansatz verfolgt der Schweizer Künstler Fabian Marti, von dem hier äusserst heterogene Arbeiten zu sehen sind. Den grössten Raum nimmt die Werkserie der mit Silbergelatine auf Aluminium aufgezogenen Fotogramme ein. Auf diesen ist jeweils ein überdimensioniertes Ei abgebildet, das sich vor einem teils monochromen, teils gemusterten Hintergrund abhebt. Als Symbol der Geburt und des Ursprungs der Schöpfung verweist das Ei auf die Auferstehung Christi und erhält damit eine religiöse Komponente. 

Die Zusammenschau der Arbeiten drei sehr unterschiedlicher Kunstschaffender erweist sich als spannungsgeladen und bietet, ohne in Beliebigkeit auszuarten, interessante Kontraste. Die Differenz ihrer Ansätze wirkt sich zuweilen jedoch überfordernd aus. Dieser Reizüberflutung kann auch der poetische Ausstellungstitel, der eine Kurzgeschichte von Wolfgang Hildesheimer zitiert, keine Abhilfe leis­ten: Anstatt die polaren Positionen in einem Schnittpunkt zusammenzuführen, trägt er noch eine weitere Perspektive zur Ausstellung bei.     

 

Warum ich mich in eine Nachtigall verwandelt habe.
Kunstmuseum Luzern
Europaplatz 1, Luzern.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 12. Juni 2016.

 

 

 




Kunstmuseum Luzern