26/04/16

Auch eine Geschichte der Subjektivität

Warum immer ich? Die Renaissance des Selbstporträts in der aktuellen Ausstellungsagenda

von Annette Hoffmann
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Erwin Wurm, Selbstporträt als Essiggurkel, 2010, Foto: Museum der Moderne, Salzburg © VG-Bild-Kunst, Bonn, 2016, Ausstellung Schirn Frankfurt
Der Prado gibt sich ganz rigoros. Im Haus herrscht Fotoverbot. Keine Kameras, keine Handyaufnahmen und erst recht keine Selfie-Sticks. Man wird doch wohl einfach mal schauen können, scheint uns das Museum sagen zu wollen. Das mag man nun für elitär oder einfach nicht zeitgemäß halten, doch es gibt Gründe, warum viele Kunstinstitutionen sich eher offensiv mit den Selfies im Museum befassen. Nicht zuletzt sind sie eine gute Werbung für das Haus. Je mehr Bilder im Netz kursieren, je mehr Museumsbesucher mit ihren Selfies vor den Meisterwerken kundtun, dass sie hier waren, desto mehr potentielle Besucher werden angesprochen. Es mag sich als individuelles Statement anfühlen, sich vor einem Renaissanceporträt abzulichten, und der eigenen Existenz mehr Bedeutung verleihen. Wenn das Foto in den sozialen Medien kursiert, ist es einfach gute Öffentlichkeitsarbeit für das Haus. Und das ganz unentgeltlich. Es ist ja nicht so, dass die Kultur nicht vom Neoliberalismus profitieren würde.

Das Selbstporträt ist eng mit der Geschichte der Subjektivität, aber auch mit dem Medium selbst verbunden. Das muss man erst einmal aushalten, sich selbst betrachten über den Zeitraum, den ein Bild braucht. Kein Wunder, dass mit Aufkommen der Fotografie und der Videokunst die Darstellung des eigenen Ichs obsessiver wurde. Einerseits setzte die Technik keine Beschränkung, was die Anzahl der reproduzierten Bilder angeht, andererseits wurde das Bild von der Last befreit, eine Person gültig wiederzugeben. Das beförderte das Experiment und auch die Möglichkeit, mehrere Seiten von sich zu zeigen. Ein Selfie kommt eben nicht allein. Ausstellungen, die sich derzeit und in den vergangenen Wochen mit dem digitalen Selbstporträt befassen und befasst haben, heißen „i.ch. Wie online leben uns verändert“, Me, Myself & I“ oder „Von Rembrandt zum Selfie“. Selbst wenn diese Titel nichts anderes als eine Genealogie von der Vergangenheit bis heute behaupten, klingt doch der Vorwurf des Narzissmus durch. Ist er gerechtfertigt oder steckt dahinter eher eine Kritik an der Demokratisierung bislang exklusiver Vergnügungen? In der Frankfurter Schirn geht man einen anderen Weg, dort verweigern sich Künstler in der Ausstellung Ich der Selfiemanie. Das Wesentliche zeigt sich, indem das Offensichtliche verborgen bleibt.      

 

Me Myself & I. Villa Rot, Burgrieden-Rot.
Bis 19. Juni 2016. Katalog: Ego Update – eine Geschichte des Selfies. Verlag Walther König, Köln 2016, 324 S., 29,90 Euro | ca. 40 Franken.

Ich. Schirn Kunsthalle, Frankfurt / Main.
Bis 29. Mai 2016.

Der Künstler und sein Ich: Das abstrahierte Selbstporträt in der Fotografie 1960 – 2000. Staatsgalerie Stuttgart.
Bis 4. September 2016.

Ich bin hier: Von Rembrandt zum Selfie. Snoeck Verlag, Köln 2015, 256 S., 75 Euro.