25/04/16

Meditation mit Hund über die Komplexität der Welt

Das Zürcher Migros Museum für Gegenwartskunst zeigt mit „Forking at Perfection“ zwei offene Simulationen von Ian Cheng

von Isabel Mehl

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Ian Cheng, Emissary Forks for You, 2016, Ausstellungsansicht Migros Museum für Gegenwartskunst, Foto: Nicolas Duc
Ich stehe in einem weißen großen Raum des Migros Museums, an den Wänden blaue Glyphen. Ratlos sehe ich mich um und versuche mich so zu bewegen, als würde ich mich zurecht finden. Ich simuliere mir selbst die Ausstellungssituation und laufe Richtung Wand. Auf der Website des US-amerikanischen Künstlers Ian Cheng (*1984) las ich in einem seiner Texte, dass Simulation eventuell alles sei, was wir jemals haben werden. Auf meinem Google Tango Tablet, das ich von der Aufsicht in die Hand gedrückt bekomme – einer, wie ich später erfahre, sehr neuen Entwicklung von Google –, blickt mich ein Hund von unten an. „Good.“ Dann läuft er davon und verschwindet. Den Blick auf das Gerät gerichtet irre ich durch den Raum, treffe auf herumfliegenden Kosmosmüll, Skelette mit Sonnenbrillen und schließlich wieder den Hund: „Here.“ Etwas widerwillig laufe ich ihm entgegen und begegne weiteren plötzlich aufploppenden Gegenständen. Doch bevor sich der Bildschirm weiter mit diesen angefüllt hat, verweigere ich mich diesem Spiel, das mir primär das Gefühl vermittelt, Teil eines Pawlow'schen Experiments zu sein.

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Ian Cheng, Emissary Forks At Perfection, 2016, Live-Simulation, Ausstellungsansicht Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich, Fotos: Nicolas Duc
Die von Ian Cheng entwickelten „Live Simulations“ sind virtuelle Welten, die er, mittels des ursprünglich zur Videospiel-Entwicklung verwendeten Programms „Unity“ entwirft. Auf Grundlage spezifischer Eigenschaften –  bestimmter in den Objekten angelegter Tendenzen – entwickelt sich das in sich geschlossene virtuelle System nach dem Start autonom weiter.

Auf der Rückseite der Wand, welche die rechte Ecke des Saales im Migros Museum abtrennt, findet sich die Projektion „Emissary Forks at Perfection“ (2015-2016). Während zuvor die Welt sich in allzu festen Bahnen zu befinden schien, fällt hier alles auseinander. Die Kamera, die sich auf das Geschehen der höchsten Aktivität richtet, fixiert eine im Wasser treibende Flasche, eine fliegende Ananas, zoomt dann in das Gebüsch hinein, in das Gesicht eines Hundes (der hier in der Wildnis eher wie ein Fuchs erscheint), gelbe und grüne Farbflächen füllen die riesige Leinwand, die Kamera zoomt wieder heraus, das Gras entflieht den Tieren, ein Rudel Hunde spielt mit einem leblosen Skelett, es ist windig, das Eis knistert, die Pflanzen wehen im Wind einer Eislandschaft, plötzlich wird es Nacht und die Szenerie scheint in die Tropen verlegt. Ab und zu spricht eine weibliche Computerstimme, manchmal reagiert eine männliche Stimme auf sie. Einmal wird einer der Hunde direkt angesprochen, er befolgt die Befehle aus dem Off und wiederholt sie. 

Ian Cheng, der zunächst Kognitionswissenschaft studierte, bevor er sich dann ganz der Kunst zuwandte, beschreibt auf seiner Homepage eine solche offene Simulation wie „Forking at Perfection“ als eine Übung für Menschen, die über ihre Menschlichkeit hinausreichen wollen oder die sich nach einer engeren Beziehung zur unübersichtlichen Dynamik der Wirklichkeit sehnen.

Später hat ein Hund zwei Gesichter, die sich fortlaufend ineinander verschieben, ohne deckungsgleich zu werden. Diese hybriden und morbiden Szenerien entfalten eine unglaubliche Sogwirkung. Fortwährend auf der Suche nach Orientierung, deren Unmöglichkeit die Faszination dieser Arbeit ausmacht, gewöhnt man sich an den Zustand des Fluxes, die fortschreitende Verästelung alles Geschehen in eine unbestimmte Zukunft. Während der interaktive Teil dieser Installation die Aktivierung der Rezipientinnen und Rezipienten offensichtlich zum Ziel hat und mit dem Scheitern rechnen muss, triggert diese Arbeit die narrativen Fähigkeiten der Betrachtenden und wird zu einer Meditation über die Komplexität der Welt, die immer stärker auch durch virtuelle Erfahrung geprägt ist.       

 

Ian Cheng: Forking at Perfection.
Migros Museum für Gegenwartskunst
Limmatstr. 270, Zürich.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 16. Mai 2016.

 

 




Migros Museum für Gegenwartskunst