21/04/16

Architektur der Gerüche

Elodie Pong befragt im Zürcher Helmhaus die komplexen Wirkungen von Düften auf unsere Wahrnehmung

von Dietrich Roeschmann

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Elodie Pong, Option Key, 2016, Videostill, Courtesy the artist, aus der Serie Smell Prints, 2016, Foto: Helmhaus Zürich
Einfach alles nur hinzunehmen, weil man sich ohnehin nicht wehren kann, ist nicht gerade ein Zustand, nach dem wir uns sehnen. Logisch, denn am Fatalismus klebt immer der Makel der Motivationsschwäche und der stille Vorwurf selbstverschuldeter Unfreiheit. Dumm nur, dass uns manchmal nichts anderes übrig bleibt. Beispiel: Wir schlendern durch den Park und der Duft blühender Magnolien schlägt uns in die Nase. Oder der Tannen im Wald. Der Gülle auf den Äckern. Der Spring Garden Fragrance Sticks in den Restroom-Lounges gediegener Shopping Malls. Haben wir eine Wahl? Nein, sagt Elodie Pong (*1968), denn: „Atmen heißt Riechen”. Während visuelle Eindrücke über komplizierte Umwege unser Hirn erreichen, strömen Gerüche direkt hinein – und oft merken wir es nicht einmal. Umso erstaunlicher, dass wir uns so viel schlechter an sie erinnern können als etwa an einen Charts-Hit, den wir unter der Dusche singen. Doch gerade das macht Düfte für die Zürcher Künstlerin interessant. „Gerüche sind eine Metapher für unsere flüchtige Zeit”, sagt Pong. Sie verbreiten sich über Grenzen, durchdringen unseren Alltag, verbinden Menschen, Dinge und Orte miteinander – sie sind gegenwärtig und doch unfassbar. Ausgehend von Thesen des Soziologen Zygmunt Bauman, der 2007 in seinem Essay „Liquid Times” die Verflüssigung gesellschaftlicher und kultureller Verhältnisse in der Gegenwart am Beispiel der zunehmend unadressierbaren, in Raum und Zeit diffundierenden Effekte der Macht beschrieb, hat Elodie Pong im Zürcher Helmhaus jetzt eine Ausstellung realisiert, die unter dem aus Parfüm-Labels gesampelten Titel „Paradise Paradoxe” dem Einfluss der unsichtbaren Architektur der Gerüche auf unser Verhältnis zur Welt nachspürt.

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Elodie Pong, Option Key, 2016, Videostill, Courtesy the artist, aus der Serie Smell Prints, 2016, Foto: Helmhaus Zürich
Ein wenig Suggestion kann da zum Einstieg nicht schaden. Auf einer wie ein Warnhinweis im Foyer angebrachten Tafel heißt es: „Wenn wir etwas zum ersten Mal riechen, legt unser Gehirn diese Information für immer ab”. Achtung also: Diese Ausstellung infiziert die Rezeptoren unserer Hirne mit synthetischen Geruchsmolekülen, die wir nie wieder los werden. Überraschenderweise ist es dann allerdings zunächst keine Duftlandschaft, die sich dahinter öffnet, sondern ein leerer, in verschwommene Sounds und intensives Magenta-Licht getauchter Raum. Etwa so muss die Welt aussehen, wenn man unter die Epidermis kriecht, den natürlichen Diffusor unseres Eigengeruchs. Entsprechend funktioniert „Trouble” wie eine Art Lichtschleuse in den atmosphärischen Körper dieser Ausstellung, die auf Materialisierungen setzt, um das scheinbar Immaterielle als eine durch Biologie, Kultur und Marketing bestimmte Determinante unserer Wahrnehmung greifbar zu machen. Auf einer Leinwand, die den Hauptsaal teilt, tanzt so eine Performerin vor digital montierten Stadtkulissen zu Textpassagen spekulativer Geruchstheorien und in Hundertstelsekundentakt sich überschreibenden Produktnamen-Alphabeten der Duftindustrie. „Parfüm benützt mich als Ausstellungsraum”, flackert dazu an der Wand über ein LED-Band oder „Kannst du glauben, was du nicht siehst?”, während auf der anderen Seite des halbtransparenten Screens weiße 3-D-Prints von fiktiven Blumen und Bäumen in den Raum wuchern, deren Dateiinformationen auf Recherchen über den Einfluss der Gewinnung natürlicher Düfte auf das Aussterben bestimmter Pflanzenarten basieren. Für eine minimalistische Licht- und Riecharbeit im grell erleuchteten White Cube nebenan schließlich kreierte Elodie Pong zusammen mit einem Parfumeur einen eigenen Duft, der die leistungssteigernde Wirkung extrem weißen Neonlichts auch olfaktorisch wahrnehmbar machen soll. Mit bemerkenswertem Effekt: Denn plötzlich ist nicht mehr klar, ob man sich hier wirklich noch als selbstbestimmtes Subjekt durch die Räume bewegt oder längst als Objekt einer subversiven Versuchsanordnung. Spätestens in dieser kalkulierten Verunsicherung erweist sich Pongs Schau als ebenso kritisches wie sinnlich erfahrbares Modell der Diffusion, auch jenseits der Wahrnehmungsschwelle von Düften.           

Elodie Pong: Paradise Paradoxe.
Helmhaus Zürich
Limmatquai 31, Zürich.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 8. Mai 2016.
Zur Ausstellung ist eine Publikation erschienen: The Invisible Project, Edition Patrick Frey, Zürich 2016, 296 S., Englisch, 52 Euro | ca. 55 Franken.

 

 

 




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