20/04/16

Der Maler als Geologe

Die Fondation Beyeler widmet Jean Dubuffet eine umfangreiche Werkschau. Im Zentrum steht seine Auffassung von Landschaft

von Jolanda Bozzetti
Thumbnail

dubuffetpaysage.jpg

Jean Dubuffet, Paysage aus argus, 2015, Collection Fondation Dubuffet, Paris © 2015, ProLitteris, Zürich
Der französische Maler Jean Dubuffet (1901-1985) gehört heute zum Kanon der klassischen Moderne und nimmt doch eine Sonderposition ein. Ungeachtet geltender ästhetischer Konventionen, ließ er sich vom unverfälschten Blick und der Bildsprache von Kindern sowie psychisch Kranken inspirieren. Damit ebnete er der Entwicklung der Kunst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts neue Wege. Die Arbeiten künstlerischer Außenseiter fanden zum ersten Mal Beachtung in der Kunstwelt, der Begriff der Art Brut wurde prägend. Dass Dubuffet darüber hinaus ein äußerst vielseitiges und wandlungsfähiges Werk geschaffen hat, zeigt die von Raphaël Bouvier kuratierte Retrospektive in der Fondation Beyeler. Sie setzt den Fokus auf Dubuffets Auffassung von Landschaft. Ein Thema, das für alle seine Schaffensphasen zentral war. 

Den Auftakt der Ausstellung bilden Arbeiten aus den 1940er Jahren. Hier ist der Einfluss einer kindlichen Formensprache noch deutlich zu spüren. Darunter befindet sich das farbintensive Doppelbildnis „Gardes du corps“ von 1943. Ein Schlüsselwerk, das nach über vierzig Jahren erstmals wieder zu sehen ist. Ab Mitte der 1940er Jahre dominieren gedecktere Erdtöne, zugleich betont ein pastoser Farbauftrag zunehmend die Materialität der Bilder. Unter dem durchaus ironisch zu verstehenden Titel „Plus beaux qu'ils croient“ versammelte Dubuffet eine Reihe von Porträts seiner Freunde und Bekannten. Die frontalen dargestellten Gesichter ähneln dabei abstrakten Landschaften, tektonischen Formationen. Neue, kunstferne Materialien wie Sand und Kies werden der Farbe beigemischt und verleihen den Porträts eine haptische Komponente. 1950 realisiert Dubuffet mehrere weibliche Akte, die eine ursprüngliche Beziehung zwischen Frauenkörper und Erdreich erfahrbar machen. Die krude Körperlichkeit scheint in der Landschaft aufzugehen und zugleich aus ihr heraus zu entstehen. Als mentale Landschaften versteht Dubuffet eine Serie großformatiger, reliefartiger Bilder, die an archäologische Grabungsstätten erinnern. Knochenartige kleine  Fragmente erheben sich aus der Bildfläche. Der Maler wird zum Geologen, das Bild zu einem Querschnitt durch die Erdoberfläche.

In einer Art Kuriositätenkabinett sind kleinformatige Arbeiten aus den 1950er Jahren zusammengestellt. Aus verschiedensten Naturmaterialien entstanden Collagen und Plastiken. Das Porträt eines Gärtners ist aus getrockneten Blättern und Passionsblumen-Augen gebildet; Naturschwämme oder Lavasteinbrocken werden – auf einen Sockel gesetzt – zu grimassierenden Gestalten. Verschiedenfarbige Schmetterlingsflügel dienen Dubuffet als Bausteine für abstrakte Landschaftsbilder.

Die botanischen Collagen überträgt Dubuffet ab Mitte der 1950er Jahre in großformatige „Tableaux d'assemblages“. Einzelne Leinwandteile werden zerschnitten und parzelliert, um anschließend in einer Art Landschaftsmosaik zusam­mengefügt zu werden.

dubuffetmele.jpg

Jean Dubuffet, Mêle moments, 1976, Private Collection, Courtesy Pace Gallery, © 2015, Pro Litteris, Zürich, Foto: Courtesy Pace Gallery
In den Stadtbildern der 1960er Jahre kehren der naive Blick und die Ironie zurück. Die Serie „Paris Circus“ markiert formal sowie inhaltlich einen Wendepunkt in Dubuffets Schaffen. Mit Witz und Wortspielen zeigt er den modernen Menschen als Teil eines Stadtdschungels. Die Bilder mutieren zu buntfarbigen Puzzles, in denen die einzelnen Elemente wie Zellen eines pulsierenden urbanen Organismus erscheinen. Landschaft wird zur begehbaren Land-Art-Installation wie an der maquette des „Jardin d'émail“ von 1968 zu sehen. Das Hauptwerk des Zyklus „L’Hourloupe“ ist der als Gesamtkunstwerk konzipierte „Coucou Bazar“. Eine groß angelegte Figurenlandschaft, die in Bewegung gesetzt werden kann und die Grenze zwischen Bühne und Publikum durchlässig macht.     

Jean Dubuffet: Metamorphosen der Landschaft.
Fondation Beyeler
Baselstr. 101, Basel-Riehen.
Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 8. Mai 2016.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2016, 227 S., 58 Euro | ca. 74 Franken.

 

 

 




Fondation Beyeler