23/04/12

Im Labor der Artefakte

Eine Ausstellung auf dem Weg zu sich selbst: „Moments. Eine Geschichte der Performance in zehn Akten“ im ZKM Karlsruhe.

von Annette Hoffmann
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Eine Ausstellung auf dem Weg zu sich selbst: „Moments. Eine Geschichte der Performance in zehn Akten“ im ZKM Karlsruhe.4747hoffmann.jpg

Das Kleid liegt ausgebreitet da. Der weinrote Pullunder geht in einen weiß getupften Rock über, ein blütenweißer Kragen schaut aus dem V-Ausschnitt. Sehr clean, ein bisschen Collegelook und doch auch ein wenig frech. Das Kleidungsstück gehört Roberta Breitmore, auf einer Fotografie sieht man die Frau in eben diesem Kleid ein paar Stufen zu einem Hotel heraufsteigen. In der linken Hand hält sie eine Wochenendtasche, über ihrer rechten Schulter hängt lässig eine Lederjacke. Ein Mann in Tenniskleidung steht im Türrahmen und erwartet sie bereits. Doch wer ist es, der hier ein Date hat? Roberta Breitmore oder Lynn Hershman Leeson „performing as Roberta“, wie die amerikanische Künstlerin in den 1970er Jahren die Mitschnitte ihrer Telefonate einleitete? Die Dokumente der Kunstfigur Roberta Breitmore sind nun mit anderen Exponaten Teil der Ausstellung im Karlsruher ZKM „Moments. Eine Geschichte der Performance in zehn Akten“.

Was bleibt und was hat man überhaupt gesehen, sind seit der Pionierzeit der Performancekunst in den 1960er und -70er Jahren die entscheidenden Fragen. Im Karlsruher Museum für Neue Kunst haben Boris Charmatz, Sigrid Gareis und Georg Schöllhammer eine Ausstellung kuratiert, die sich gleichermaßen historisierend umfassend wie performativ gibt. Die Ausstellung kommt quasi während ihrer Dauer über vier „Acts“ zu sich selbst. „Moments bricht“, so liest der Besucher eingangs, „mit der Routine musealer Institutionen“, stattdessen will man Live-Ausstellung und Labor sein, legitimiert durch das aktuelle Interesse der Kunstszene am Re-Enactment. Bei der Begründung der ausgewählten Arbeiten gibt man sich zugeknöpfter. Mit Marina Abramović, Reinhild Hoffmann und Yvonne Rainer sind einige der bedeutendsten Performerinnen darunter, doch die ausschließliche Konzentration auf Künstlerinnen bewirkt, dass ihren Arbeiten als historischer Kommentar zur Gesellschaft und zu Genderfragen verstanden werden können. Auch den Schwerpunkt, den die Ausstellung auf den Tanz legt, wüsste man gerne inhaltlich begründet als durch die Tatsache, dass Charmatz in Rennes das Musée de la danse leitet und Gareis Intendantin des Tanzquartier Wien war.

Denn tatsächlich berührt der Tanz vieles, was zugleich von Bedeutung für die Performance war: die Rolle des Körpers, des Raumes und ganz alltäglicher Handlungen, die Notation. Yvonne Rainer begann in den 1960er Jahren zusammen mit Trisha Brown und Steve Paxton zu untersuchen, was sich verändert, wenn ein Körper seine Gravitation an einen anderen weitergibt und die Tänzerin und Choreografin Reinhild Hoffmann erweiterte ihren Körper durch angeschnallte Holzlatten. „Moments. Eine Geschichte der Performance in zehn Akten“ zeigt diese wichtigen Werke, auch Marina Abramovićs Video „Art must be beautiful, artist must be beautiful“ ist darunter, sowie Sanja Ivekovićs Arbeit „Inter nos“ aus dem Jahr 1977. Die Künstlerin lud Ausstellungsbesucher, durch eine Glaswand von ihr getrennt, zu einer mal mehr, mal weniger symmetrischen Kommunikation ein. Andere Performances werden durch Fotografien, Materialien und Toneinspielungen präsentiert, auf den niedrigen Podesten liegen – zumindest während der Phase „Bühne und Display“ – Texte aus. „Moments“ drängt es, selbst Performance zu werden, das mag bei Live-Anlässen funktionieren, ansonsten dominiert eine weitgehend dramaturgiefreie Ausstellungsarchitektur. Wenn man am Ende an einer Szene aus „Sex in the City“ vorbeikommt, die Performance als weibliche Hysterie erklärt, darf man das als ironischen Kommentar nehmen und merkt spätestens hier, dass die Ausstellung es unterlassen hat, das Phänomen selbst zu vermitteln.

Moments. Eine Geschichte der Performance in zehn Akten.
ZKM | Museum für Neue Kunst. Lorenzstr. 19, Karlsruhe.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 10.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 29. April 2012.
Ein Katalog zur Ausstellung erscheint Ende April 2012.
ZKM