13/05/16

Typologien von menschlicher Arbeit

Christodoulos Panayiotou und Philip Wiegard haben im Kunstverein Nürnberg "Nine to five" gearbeitet

von Ruth Kissling

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Installationsansicht Christodoulos Panayiotou und Philip Wiegard "Nine to five", Ausstellungsansicht Kunstverein Nürnberg, 2016, courtesy the artists

Das Geräusch von leise vor sich plätscherndem Wasser empfängt den Besucher beim Eintritt in die gemeinsame Ausstellung von Christodoulos Panayiotou (* 1978) und Philip Wiegard (*1977) im Kunstverein Nürnberg. Es kommt von einem rudimentären Brunnen, provisorisch zusammengestellt aus drei Plastikeimern, einem Wasserschlauch, einer Pumpe und einer Kupferplatte; über die Platte läuft kontinuierlich Wasser aus den Eimern und wieder zurück. Das Plätschern ist eine meditative und beinahe melancholische Begleitmelodie der Ausstellung, in der die Künstler Fragen nach dem Wert von Dingen, nach dem Wert von Arbeit, und auch nach dem Wert von Kunst nachgehen.

Die unterschiedlichen konzeptuellen Herangehensweisen von Panayiotou und Wiegard ergänzen sich in der Ausstellung zu einer überaus sinnlichen Präsentation. Beide Künstler greifen auf traditionsreiche handwerkliche Produktionstechniken zurück, die bis heute sowohl zur Herstellung einfacher Gebrauchsgegenstände des Alltags als zur Herstellung besonderer Luxusgüter angewandt werden. Dabei geht es den beiden nicht um einen nostalgischen Rückgriff auf Handwerkliches, „Hand-Gemachtes“, wie er heute oft zu beobachten ist. Vielmehr ist das Moment der Transformation, in dem die Materialien durch die handwerkliche Bearbeitung in Form und Bedeutung verändert und damit an Wert gewinnen, für beide Künstler ein zentrales Motiv. Unter Einbeziehung der historischen, ökonomischen wie sozialen Kontexte der Techniken und Materialien beschäftigen sie sich mit diesem Prozess der Bedeutungszuschreibung, in dem sich materielle und immaterielle, reale und symbolische Werte überlagern.

Die buntfarbigen ornamentalen Tapeten von Philip Wiegard, die mal lose gehängt, mal gerahmt und mal wandfüllend installiert sind, wurden als Kleisterpapiere „nach Herrnhuter Art“ hergestellt, einer bis ins 18. Jahrhundert zurückgehenden Technik zur Herstellung von Buntpapieren, die als Bucheinbände oder als Schmuckpapiere in Möbeln verwendet wurden. In Bewegungen, die in einem immer gleichen Rhythmus ausgeführt werden, werden händisch Farbpigmente in feuchtem Kleister auf Papiervlies verwischt. Die individuellen Spuren der Hände bilden die abstrakten, fortlaufenden Muster und lösen sich gleichzeitig darin auf. Wiegard befasst sich mit Typologien menschlicher Arbeit seit der industriellen Revolution und den damit verbundenen Prozessen der Wertschöpfung. Die Tapeten sind ‒ neben der dekorativen Erscheinung ‒  vor allem als Ergebnisse unterschiedlicher Arbeitsmodelle und Produktionsstrukturen interessant: Die Arbeit „Nine to Five“, die der Ausstellung ihren Titel gibt, zeichnet die Arbeit des Künstlers während der acht Stunden des klassischen Büroalltag auf. Die fest installierten Tapeten sind im Rahmen von Workshops mit Jugendlichen und Kindern entstanden, die die Muster nach Vorgabe des Künstlers gegen Entlohnung, während einer festgelegten Arbeitszeit und unter Berücksichtigung gewerkschaftlicher Auflagen ausgeführt haben. Eine gerahmte Tapetenmalerei ist eine Gemeinschaftsarbeit mit Panayiotou. Die Tapeten dokumentieren die Zeit ihrer Entstehung und sind Notationen bestimmter „Arbeitschoreographien“ aus einzelnen Arbeitsschritten, die an die Bewegungen am Fließband erinnern. Wiegard überträgt Modelle post-fordistischer Arbeitsstrukturen auf die künstlerische Produktion und thematisiert damit die Vorstellungen und Mythen über künstlerische Arbeit sowie ihren Status als Role Model heutiger, überflexibler Arbeitsbedingungen.

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Installationsansicht Christodoulos Panayiotou und Philip Wiegard "Nine to five", Ausstellungsansicht Kunstverein Nürnberg, 2016, courtesy the artists

Auch Christodoulos Panayiotou entwickelt anhand der Materialien seiner Werke präzise Erzählungen über die Kreisläufe von Wertsteigerung. Wie in dem Paar Schuhe „Untitled“ (2016), das aus der kunstledernen Handtasche einer Bekannten des Künstlers von einem Schuster in seiner Grösse angefertigt wurde, veranlasst er durch die handwerkliche Bearbeitung zu neuen Objekten Umwertungen der pekuniären und symbolischen Werte der Materialien.

Der Titel des seines eingangs erwähnten Brunnens: „Price of Copper no.4“ (2016), stammt aus Bertolt Brechts „Der Messingkauf“, einer Parabel über das Verhältnis materieller und immaterieller Werte. Die Platte des Brunnens stammt aus der Kupfermine Skouriotissa auf Zypern, die eine der weltweit ältesten Kupferminen ist. Wegen dem außerordentlich reichhaltigen Vorkommen auf Zypern war Kupfer seit der Antike einer der bestimmenden Faktoren in der ökonomischen Geschichte der Insel. Selbst der Name des Metalls leitet sich von der Bezeichnung aes cyprium, das „Metall von der Insel Zypern“ her.

Panayiotou zitiert den Brunnen als kunsthistorisch relevantes Medium der Machtrepräsentation. Sobald jedoch der symbolische Fluss des Wassers dieses provisorischen Brunnes unterbrochen ist, dekonstruiert sich das System der Zuschreibungen von Wert und Macht und legt offen, wie temporär und vor allem systemimmanent diese sind.

Die beiden Künstler belassen es in der Ausstellung nicht bei der freundschaftlichen Kooperation zwischen Kollegen und einer rein werkimmanenten Präsentation ihrer gemeinsamen Themen. Die Einladungskarte für „Nine to Five“ erinnert an Anweisungen der frühen Konzeptkunst, mit ihrer Schreibmaschinenschrift und der Unschärfe, wie wenn sie als Matrize vervielfältigt wäre. Getippt wurde der Text der Karte nach Aufforderung der Künstler von der Direktorin des Kunstvereins. Mit dieser (nicht ganz) ironischen Geste beziehen sie die Institution als solche mit ein und legen die Rolle offen, die Institutionen und Kunstbetrieb bei der speziellen Rolle der Zuschreibung von Werten an Kunstwerke und Künstler haben.

Christodoulos Panayiotou und Philip Wiegard, Nine to five.
Kunstverein Nürnberg - Albrecht Dürer Gesellschaft, Kressengartenstr. 2, Nürnberg.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 14.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 13.00 bis 18.00 Uhr. Bis 22. Mai 2016.

 




Kunstverein Nürnberg