18/04/16

Ein Ohr leihen

Phil Collins gibt Obdachlosen mit einer Installation einen geschützten öffentlichen Raum in der Universität Freiburg

von Annette Hoffmann

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Installationsansicht Phil Collins, my heart’s in my hand, and my hand is pierced, and my hand’s in the bag, and the bag is shut, and my heart is caught, Foto: Maurice Korbel, © 2016
Es klingt nach einer lebenslangen Problembeziehung. Die Frau schreit mehr als dass sie sprechen würde. Ihr Stakkato könnte Wände zum Einsturz bringen. Der Mann am Ende der Leitung, der sich anscheinend Mut für dieses Telefonat antrinken musste, verschluckt die Satzenden. Oft muss er sie so schon zum Einlenken gebracht haben. Bevor es diesmal so weit ist, legt sie auf. Als Zuhörer ahnt man nur, was hier verhandelt wird. Die beiden sprechen Russisch. Flugs eine andere Single auf den Plattenteller gelegt, auf Start gedrückt und schon hört man eine Frau, eine ehemalige Landschaftsarchitektin, die sich um eine Wohnung bewirbt. Ob es ein Nachteil sei, dass sie von staatlicher Fürsorge lebe, fragt sie.

Die Menschen, denen man in Phil Collins‘ Installation „my heart’s in my hand, and my hand is pierced, and my hand’s in the bag, and the bag is shut, and my heart is caught“ begegnet, befinden sich auf dem Rückzug. Der britische, 1970 geborene Künstler bot Obdachlosen in Köln an, gratis zu telefonieren. Einzige Auflage: sie gaben ihr Einverständnis, dass ihre Gespräche mitgeschnitten, gesprochen, verfremdet und mit Musik durchsetzt werden. In fünf Hörkabinen, jeweils mit Plattenspieler, Tisch und Stuhl, Bord mit den Singles und Fotos ausgestattet, kann man sich nun in der Universitätsbibliothek durch diese Schicksale hören. Ist das auditiver Voyeurismus? Nicht unbedingt, Collins, der in den 90er Jahren selbst für ein Obdachlosen-Magazin gearbeitet hat, macht auf die brüchigen Biografien, die menschlichen Nöte und die Einsamkeit der Wohnungslosen aufmerksam. Für das Theater Freiburg, das hier erstmals mit der UB kooperiert, setzt Collins‘ Installation die eigene Auseinandersetzung mit Armut in Deutschland fort, Collins selbst befasst sich in seinen Werken meist mit fragilen Identitäten, seien es Jugendliche in Krisengebieten, die er bittet seinen Lieblingssong von „The Smiths“ zu singen oder indem er dokumentierte, wie das Fernsehen Leben zerstört. Während die Obdachlosen mehr und mehr aus der Innenstadt von Freiburg verdrängt werden, sind diese Gespräche nun Teil einer Kunstinstallation. Diesen Widerspruch muss jeder für sich aushalten.

Phil Collins, my heart’s in my hand, and my hand is pierced, and my hand’s in the bag, and the bag is shut, and my heart is caught.
Universitätsbibliothek
Platz der Universität 2, Freiburg.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 12.00 bis 20.00 Uhr. Samstag 12.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 7. Mai 2016.