12/04/16

Grand Tour durch das Klischee

Jorge Ribalta dokumentiert im Württembergischen Kunstverein Anti-Momente

von Annette Hoffmann

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Jorge Ribalta, Renaissance. Scenes de la reconversion industrielle au bassin minier du Nord-Pas de Calais (Szenen des industriellen Wandels im Bergbaurevier von Nord-Pas de Calais), 2014, Courtesy: Der Künstler
Ausgerechnet Prosper Merimée, der Erfinder der Carmen, leitete Mitte des 19. Jahrhunderts die Mission Héliographiques der Monuments historiques. Derjenige, der das Klischee der spanischen Femme fatale geschaffen hat, war also für die fotografische Dokumentation der nationalen Kulturgüter Frankreichs verantwortlich. Ihr Ziel war es, die Baudenkmäler zu inventarisieren und ihre Restaurierung zu organisieren. Kein Zufall, würde Jorge Ribalta (*1963) vermutlich sagen. Ein Stereotyp bringt das nächste hervor. Der spanische Fotograf, Kurator und Kritiker zeigt im Württembergischen Kunstverein eine groß angelegte Recherche zu nationaler kultureller Identität. Sechs Serien, die bis zu 200 Schwarz-Weiß-Aufnahmen umfassen, ziehen sich in Stuttgart an eigens eingezogenen weißen Wänden entlang. Sie befassen sich mit dem Flamenco und der Alhambra in Granada, den Spuren der Habsburgerkönige oder der Umwandlung ehemaliger Bergbaugebiete in Kulturdenkmäler in Belgien. Ribalta interessiert sich für diese Themen, weil sie durch und für den Tourismus vermarktet werden. Folgt man seiner Argumentation, könnte man glauben, es ausschließlich mit Potemkin‘schen Dörfern zu tun zu haben, die von der Unesco errichtet wurden. Titel und Unterkategorien ordnen die Fotos, die mal in Blöcken, mal als Bildatlanten präsentiert werden. Mit dem walisischen Fotografen Charles Clifford, der Mitte des 19. Jahrhunderts mit seiner Publikation „A photographic Scramble through Spain“ das Bild Spaniens prägte, greift Ribalta den Faden der Dokumentation nationaler Kulturgüter auf und flicht zudem das Motiv der „Grand Tour“ ein. Was Clifford für Ribalta wohl auch als Referenz auszeichnet, ist, dass er einen Bezug zur Theorie der Fotografie herstellt. In Roland Barthes‘ „Die helle Kammer“ findet sich eine Abbildung Cliffords vom Löwentor der Alhambra. In Analogie dazu befasst sich eine Serie Ribaltas mit dem Gründer des ersten Foto-Verlags Louis-Désiré Blanquart-Évrard und seinen Publikationen über die Fotografie. Jorge Ribaltas Aufnahmen funktionieren dabei nicht als Solitäre, zu flüchtig ist der Blick, zu spontan wirkt die gewählte Perspektive. Ribalta geht es nicht um die Ästhetik der einzelnen Aufnahme und ihrer Präsentation, sondern um Anti-Monumente. Ribalta wirft einen Blick in den Betrieb der Alhambra, der Flamenco-Lokale, der Museen und der Archive, der ihre fehlende Authentizität und ihre Konstruiertheit entlarven soll. Zur geschmähten Erlebniskultur bezieht Ribalta derart Distanz, dass die Ausstellung erschlagend und in etwa so beflissen wirkt wie eine akademische Seminararbeit. Ribalta, der die Kultur und ihre identitätsbildenden Qualitäten von Politik und Wirtschaft in Geiselhaft genommen sieht, scheint ausgerechnet seine eigenen Arbeiten als völlig objektiv zu betrachten, so als ob er selbst nicht die Fotografie für die Theorie instrumentalisieren würde.


Jorge Ribalta
Württembergischer Kunstverein
Schlossplatz 2, Stuttgart.
Öffnungszeiten: Dienstag, Donnestag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 11.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 1. Mai 216.  

 

 




Württembergischer Kunstverein