06/04/16

Im Video-Wunderland

Das Kunsthaus Zürich lädt in eine wohnzimmer zum gemeinsamen Schauen von Pipilotti Rist-Videos

von Annette Hoffmann

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Pipilotti Rist, Pixelwald, 2016, Videoinstallation, Foto: Lena Huber, Courtesy the artist, Hauser & Wirth und Luhring Augustine
Ausgerechnet mit dem Stichwort Angst startet das Glossar, aus dem im Wesentlichen Pipilotti Rists Katalog zu ihrer Ausstellung im Kunsthaus Zürich besteht. Dabei könnte man doch glauben, dass Pipilotti Rist (*1962) in den 1980er Jahren angetreten war, um die Grenze zwischen Ich und Welt so durchlässig zu machen wie nur irgend möglich, den Körper als Bündel von Organen, Fleisch, Haut, Haaren, Ausscheidungen und Geräuschen von aller Scham zu befreien und Kitsch und Kunst einander anzunähern. Und so darf man sich in ihrer Schau „Dein Speichel ist mein Taucheranzug im Ozean des Schmerzes“ so wohlig fühlen wie in einem warmen Bad und so aufgekratzt-vertraut als schaute man durch Schaumkronen auf seinen eigenen Zeh.

Eine Ausstellung von Pipilotti Rist in Zürich – ihr Werk wird im repräsentativen Bührle-Saal gezeigt – bedeutet auch eine Begegnung der Schweizer Kunstszene mit sich selbst, was eine Menge uneindeutiger Gefühle miteinschließen kann. Videokunst kann sehr verräterisch sein. Wie lange diese gemeinsame Geschichte schon währt, sieht man an den Abspielformaten, die Pipilotti Rist bereits hinter sich gelassen hat. In ihrer neuen Installation „Fern- und Nahsehen“ hat sie alte Monitore, auf denen unter anderem Testbilder zu erkennen sind, mit Kunststoffkrakeleien überzogen. Im Kunsthaus Zürich ist die Ausstellung bis auf eine Reihe von Videomonitoren – auf denen unter anderem „I’m not the girl who misses much“ von 1986 läuft – als gemeinschaftliches Wohnzimmer inszeniert. Das Mobiliar mag wirken wie aus dem Brockenhaus – im Halbdunkel ist es auch nicht so genau zu erkennen – es verringert die Distanz zur Kunst. Man darf sich auf Sesseln oder auf dem Bett fläzen und wird schnell selbst zur Projektionsfläche für die Videos. Auf einem Bord steht ein aufgeschlagenes Magazin, „Das Buch von Dr. Read ‚Mutter werden ohne Schmerzen‘ ist etwas zu optimistisch“ liest man über einer schematischen Zeichnung einer Schwangeren, ein kleines Plastikschaf steht auf der Seite. Daneben werden auf Flaschen der Hausbar explodierende pinkfarbene Universen projiziert. Und drei Muscheln und drei Handtaschen, die jeweils auf Sockeln stehen, verlocken, sich über sie zu beugen. In ihrem Inneren laufen Bilder ab: Augen, Wasser. Auch Videos haben bei Pipilotti Rist einen dreidimensionalen Körper.

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Pipilotti Rist, Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich, 2016, Foto: Lena Huber, Courtesy the artist, Hauser & Wirth und Luhring Augustine
Pipilotti Rist ködert den Betrachter, indem sie an seine kindliche Neugierde appelliert und indem sie aus dem Leben einen heiteren Sommertag macht. Rist löst die Schwere von den Körpern. Unterhosen steigen in „Cape Cod Chandelier“ auf wie mit Helium gefüllte Ballons, um sich dann zu seinem Kronleuchter zu deformieren. Nicht zufällig sieht man in ihren Videoarbeiten so häufig Körper schweben oder tauchen, es sind Zustände, die der Schwerelosigkeit trotzen. Oft sind die Bilder in winkelförmige Flächen projiziert oder sie fächern sich wie ein Kaleidoskop auf, so dass der Betrachter immer tiefer in sie hineinsinkt. Körper vereinen sich mit sich selbst. Je stärker Details vergrößert werden, umso wunderlicher wird das Vertraute. In ihrer neuesten Arbeit „Pixelwald“ verbindet sich die Atmosphäre mit dem Technischen. An unzähligen herabhängenden Kabeln sind kleine Schaumgebilde aus Kunststoff befestigt, auf die ihre Videoarbeiten „Sip my Ocean“, „Ever ist Over All“ und „Worry will Vanish Horizon“ projiziert werden. Während sich die Pixel an den Wänden zu Bildern manifestieren, fangen die Tropfen bewegte Farbverläufe ein. Wenn dann noch die Hymne aller unglücklich Verliebten „Wicked Game“ in einer Version von „Les Reines Prochaines“ zu hören ist, in der der Weltschmerz ins Rotzige kippt, dann weiß man, dass man manchmal einfach zu seinem Glück gezwungen werden muss.    

Pipilotti Rist: Dein Speichel ist mein Taucheranzug im Ozean des Schmerzes.
Kunsthaus Zürich
Heimplatz 1, Zürich.
Öffnungszeiten: Dienstag, Freitag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch und Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr. Bis 8. Mai 2016.
Zur Ausstellung ist eine Publikation erschienen: Snoeck Verlag, Köln 2016, 168 S., 48 Euro | ca. 52 Franken.

 

 

 




Kunsthaus Zürich