30/03/16

Vergangenheit aus der High-Tech-Perfektion

Michaela Melián verwandelt den Kunstbau des Lenbachhauses in eine faszinierende Klang- und Bild-Landschaft

von Roberta De Righi
Thumbnail

melianinstallation.jpg

Michaela Melián, Electric Ladyland, 2016, © die Künstlerin, VG Bild-Kunst, 2016
Ob die mechanische Puppe Olympia in „Hoffmanns Erzählungen“ oder die Maschinen-Maria im Stummfilm-Klassiker „Metropolis“ – der Automat war oft eine Frau, erdacht und erschaffen von einem Mann. Anders in der Ausstellung „Electric Ladyland“  im Kunstbau des Münchner Lenbachhauses, in der Michaela Melián (*1956) sich aus weiblicher Perspektive mit dem Mythos der Androiden, Cyborgs und Homunculi auseinander setzt und das Thema zeichnerisch zu einer Reflexion über die Schöpfung im Zeitalter der genetischen Reproduzierbarkeit erweitert. Melián, die Cello und Bildende Kunst studierte, lehrt seit 2010 an der Hamburg Hochschule der bildenden Künste als Professorin für zeitbezogene Medien und ist zusammen mit ihrem Mann Thomas Meinecke Gründungsmitglied der Avantgarde-Band Freiwillige Selbstkontrolle (F.S.K.).

Nun kann man im Kunstbau regelrecht in Michaela Meliáns multimediales Werk eintauchen, denn sie formte den kargen Kunst-Schlauch um in eine faszinierende Klang- und Bild-Landschaft. Sie schuf hier ein anspielungsreiches Gesamtkunstwerk, das Augen, Ohren und Hirn fordert. Erstaunlich nur, dass dies die erste große Einzelausstellung ist, mit der ihre Heimatstadt diese vielseitige Künstlerin ehrt, deren High-Tech-Perfektion meist zur Reflexion eines Aspekts der Vergangenheit anstiftet.

Der Titel des für den Kunstbau geschaffenen Environments „Electric Ladyland“ bezieht sich auf Jimi Hendrix’ gleichnamiges Album von 1968 und besteht aus zwei 70 Meter langen bedruckten Stoffbahnen sowie einer Soundinstallation aus 16 Lautsprechern. Daraus tönt Meliáns stark veränderte Version einer Arie der Olympia aus Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ im extrem langsamen Walzertakt, der den Raum durchströmt und sogar die Glühbirnen an der Decke aufglimmen lässt. Melián will auch zeigen, dass Technik oft analog zum weiblichen Körper konstruiert wurde.

 melianlandlady.jpg

Michaela Melián, Electric Ladyland, 2016, © die Künstlerin, VG Bild-Kunst, 2016
Wer die Entropie der riesigen Wandzeichnung entwirren kann, erkennt zwischen Roboter-Frauen und Prothesen, High-Tech-Studios und Frankensteins Labor molekulare Strukturen wie die DNA-Doppelhelix. Wie selbstverständlich integriert sind ältere Arbeiten – etwa die 40 Hocker, schwebenden Partytische und das rotierende Bett aus „Convention“ (1999/2006) und „Andante Calmo“ (2014), oder die sechs „Mannheim Chairs“ (2015): von der Decke hängende Schaukelstühle mit integriertem Soundsystem, in denen einen die Musik wie eine warme Decke einhüllt. Anders funktioniert das bewegte Lichtspiel „Lunapark“ von 2012, das als Hommage an Moholy-Nagys Licht-Raum-Modulator von 1930 eine utopische Stadt aus Glas aufleuchten lässt. Und auch „In a Mist“ ruft Erinnerungen an die revolutionäre Kunst der 1920er und 1930er Jahre wach: Die diaphanen Glasbilder werfen die Konstruktion des hyperbolischen Paraboloids vom  Moskauer Schuchow-Radioturm und Anni Albers Textilornamentik als visionäre Schatten an die Wand.

„Föhrenwald“ von 2005 schließlich, Meliáns preisgekrönte Aufarbeitung der Geschichte dieser NS-Siedlung im bayerischen Geretsried, bildet den Schluss- und Höhepunkt der Schau. Einst lag dort Nazi-Deutschlands größte Munitionsfabrik mit Zwangsarbeitern, nach Kriegsende wurden zeitweise bis zu 5300 „Displaced Persons“, Überlebende des Holocaust, die nicht mehr in ihre Heimatländer zurückkehren konnten, untergebracht. Nach Auflösung des selbstverwalteten Lagers 1956 wurden heimatvertriebene Familien angesiedelt. „Föhrenwald“ macht die deutsche Geschichte wie unter dem Brennglas sichtbar; die gleichnamige Installation beeindruckt in der Komposition als vielschichtige und mehrstimmige Erzählung noch immer. Sie offenbart exemplarisch Michaela Meliáns Begabung, aus verschiedenen Strängen und Ebenen ein komplexes Ganzes zu konstruieren – und ihm Leben einzuhauchen. 

       

Michaela Melián: Electric Ladyland.
Lenbachhaus
Luisenstr. 33, München.
Öffnungszeiten: Dienstag 10.00 bis 21.00 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 12. Juni 2016.

 

 

 




Lenbachhaus