11/04/16

Jenseits von Ai Weiwei

Mit „Chinese Whispers“ präsentieren das Kunstmuseum Bern und das Zentrum Paul Klee chinesische Kunst aus den Sammlungen Sigg

von Florian Weiland
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Li Tianbing, Ensemble # 1+2, 2008, © the artist, M + Sigg Collection Hong Kong. By donation
Ai Weiwei darf nicht fehlen. Er ist das Aushängeschild der chinesischen Gegenwartskunst und derart omnipräsent, dass es die nachfolgende Künstlergeneration zunehmend leid ist, immer auf ihn angesprochen zu werden. He Xiangyu (*1986) provoziert mit einer lebensecht wirkenden Kunstharzskulptur Ai Weiweis. Der chinesische Künstler liegt auf dem Boden. Schläft er – oder ist er tot? Versucht sich der Konzeptkünstler von Ai Weiwei abzugrenzen oder will er seine Solidarität ausdrücken? Er begreife sich nicht als politischen Künstler, betont He Xiangyu. Das fällt schwer zu glauben, insbesondere angesichts seiner anderen Arbeit in Bern. Bei „The Tank Projekt“ handelt es sich um eine Lederhülle für einen Panzer. Die Installation ähnelt einer riesigen Handtasche und konterkariert die Bedrohlichkeit des chinesischen Machtapparats.

Mit der Ausstellung „Mahjong“ betrat das Kunstmuseum Bern vor elf Jahren Neuland. Erstmals wurde die chinesische Gegenwartskunst umfassend in Europa gezeigt. Die Kunstwelt staunte über eine neue, vom Westen bis dahin weitgehend unbeachtete Kunstszene. Die damals gezeigten Werke stammten aus der Sammlung des Unternehmers und Ex-Botschafters der Schweiz in Peking, Uli Sigg. Mittlerweile gilt sie als die bedeutendste chinesischer Gegenwartskunst. Nach Entwürfen der Stararchitekten Herzog & de Meuron entsteht derzeit in Hongkong ein Museumsbau, der 2019 eröffnet werden soll. Bevor Siggs Sammlung dann endgültig nach Hongkong wandert, gibt es in Bern noch einmal die Gelegenheit, einen Blick auf seine Neuerwerbungen der letzten Jahre zu werfen. Rund 150 Werke der Sigg Kollektion sind im Kunstmuseum Bern und im Zentrum Paul Klee zu sehen.

Beide Institutionen zeigen ein Spiegelbild des modernen China. Doch es stellt sich die Frage, was überhaupt noch chinesisch ist an der chinesischen Gegenwartskunst. Vieles scheint austauschbar. Hauptsache, es ist gut verkäuflich. Haben wir es hier nicht einfach mit guter und (manchmal auch) schlechter Kunst zu tun, deren Herkunft vollkommen zweitrangig ist? Die Ausstellung ist in vier Kapitel gegliedert. „Vom Umgang mit der Tradition“ ist ein Themenblock im Kunstmuseum Bern überschrieben und er belegt, dass es noch einige jüngere Künstler gibt, die sich auf das reiche kulturelle Erbe Chinas beziehen. Die Videokünstlerin Lu Yang (*1974) etwa verweist mit ihrer Arbeit auf traditionelle Tuschezeichnungen und macht zugleich den Ausstellungsbesucher zum Akteur, dessen Körper, von einer kleinen Kamera gefilmt, zum Teil des Kunstwerks wird.

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Sun Yuan & Peng Yu, Old People’s Home, 2007, Courtesy M + Sigg Collection Hong Kong. By donation
Die Vielseitigkeit der Ausstellung beeindruckt. Wir entdecken Malerei in all ihren Spielarten. Hitler wird als Kunstsammler in Szene gesetzt, das junge China feiert eine Party im (Über-)Fluss, Manga-artige Figuren schauen uns mit großen Augen an und adrette Krankenschwestern melden sich zum Militärdienst. Eine Persiflage auf die staatliche Propagandakunst. Zu den Höhepunkten zählt eine Rauminstallation von Tsang Kin-Wah (*1976). Rote Textzeilen ergießen sich wie ein Wasserfall über alle vier Wände, dass man meint, die Bodenhaftung zu verlieren. Ai Weiwei (*1957) bildet mit Versatzstücken aus einem abgerissenen Tempel der Qing Dynastie die Umrisse der Landkarte Chinas nach. Zwei Hocker markieren Taiwan. Ein plakativer Hingucker ist die Rollstuhlarena von Sun Yuan (*1972) und Peng Yu (*1974). Dreizehn lebensechte Puppen sitzen in Rollstühlen, die sich von selbst hin und her bewegen und dabei manchmal auch zusammenstoßen. Die alten Herren sind keine Unbekannten. Einst lenkten sie als Führer in Politik, Wirtschaft und Religion das Schicksal von Millionen Menschen. Nun sind sie vollkommen hilflos. Dieses Werk, das von Alter, Tod und Krankheit erzählt, bildet im Zentrum Paul Klee den Schlusspunkt der Ausstellung. Und es weckt die Hoffnung, dass jede irdische Macht einmal an ihr Ende kommt.

       

Chinese Whispers. Neue Kunst aus den Sigg und M+ Sigg Collections.
Kunstmuseum Bern
Hodlerstr. 12, Bern.
Öffnungszeiten: Dienstag 10.00 bis 21.00 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.

Zentrum Paul Klee
Monument im Fruchtland 3, Bern.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 25. September 2016.

Zu den Ausstellungen ist ein Katalog erschienen:
Prestel Verlag, München 2016, 370 S., 49,95 Euro | ca. 65 Franken.

 

 

 




Zentrum Paul Klee
Kunstmuseum Bern