31/03/16

Handliche Moral

In Baden-Baden befasst sich ein multidisziplinäres Kunst- und Kooperationsprojekt mit Fragen des Geldes

von Christian Hillengaß

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Alicja Kwade, Kohle (Union 666), SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin
Das Geld ist unschuldig. Es ist nicht mehr und nicht weniger als die Abstraktion materieller Werte in handliches Format zu Tausch- und Zahlungszwecken. Neutral und nützlich. Eigentlich. Und eigentlich auch nicht. Denn natürlich hat das Medium in den grob 2600 Jahren seiner Existenz eine emotionale und moralische Maximalaufladung erfahren, die weit über die ökonomische Zweckdienlichkeit hinausgeht. Eine Aufladung, die je nach Zeitgeist und individuellem Blickwinkel variiert. Man kann nun ökonomische, philosophische und historische Abhandlungen lesen, um sich diesem Phänomen zu nähren. Man kann aber auch die Kunst befragen, die gute alte Zeugin menschlicher Mentalitäts- und Bewusstseinsprozesse. Dies tut die Große Landesausstellung „Gutes böses Geld“ in Baden-Baden mit einem gelungenen Kooperationsprojekt von Staatlicher Kunsthalle, Stadtmuseum, Casino und Theater.

Wie die Keimzelle einer mächtigen Entwicklung liegt ein winziges Silberklümpchen mit Prägung im großen Oberlichtsaal der Kunsthalle – eine der ersten Münzen der Welt von ca. 560 v. Chr. An den Wänden hängen akkurat gereiht die vergilbten Doppelseiten eines Hamburger Kassenbuches von 1932/33, die sich die Künstlerin Hanne Darboven mit ganz eigenen Einträgen angeeignet hat. „Soll und Haben“ (1993) heißt ihr Werk, mit dem sie den ökonomischen Binärcode auseinandernimmt. In der Mitte des Raumes ein Aufriss von 750 Jahren bildlicher Gelddarstellung: noch ganz sachlich erzählen zwei bemalte Kassenbuchdeckel aus dem spätmittelalterlichen Siena vom guten Geld. Eindeutig erhebend wird dessen Nimbus im Portrait des Geldwechslers von Dosso Dossi (attr.,1538) dargestellt, während Marinus van Reymerswaele mit seinen Steuereintreibern (um 1540) die negativ-verzerrende Fratze des Mammons betont, bis schließlich Andy Warhol Anfang der 1960er Jahre das Geld mit „40 Two Dollar Bills“ selbst zum Kunstgegenstand macht.

Die wechselnden Wertungen setzen sich im Verlauf der Schau fort. Allegorien aus dem 16. und 17. Jahrhundert wie das „Ungleiche Paar“ von Lucas Cranach d. Ä. oder „Die Vertreibung der Händler aus dem Tempel“ von Theodoor Rombouts heben das Laster hervor und Stillleben mahnen mit Vanitas, während in den Portraits der zu dieser Zeit aufstrebenden Bürgerschicht Reichtum sichtbar wertschätzend dargestellt wird. Marktszenen von damals illus­trieren wiederum neutral den Geld- und Warentausch. Interessant auch die sich wandelnde Darstellung von Armut in der Kunst, die sich in Baden-Baden nachverfolgen lässt. Spätestens hier kommt auch Karl Marx ins Spiel. Mit „MACHT GESCHENKE: DAS KAPITAL – Kritik der politischen Ökonomie 2009 – ca. 2052“ überweist Christin Lahr täglich einen Cent an das Bundesministerium für Finanzen, um sukzessive den marxschen Text im Feld „Verwendungszweck“ fortzuschreiben. Weitere konzeptionelle Arbeiten wie Maria Eichhorns „Aktiengesellschaft“ (2002), das „Knochengeld“ der Künstlergruppe Ioë Bsaffot (1993) oder Yves Kleins „Zonen immaterieller malerischer Sensibilität“ (1958-62) eröffnen intellektuelle Spielräume. Ein Spielraum ganz realer Art, der aber ebenfalls zu Denksprüngen einlädt, findet sich im Stadtmuseum: ein überdimensioniertes Baden-Baden-Monopoly steht am Anfang einer Präsentation von Originalausgaben des Spiels und seiner Vorläufer. Schon allein die Gestaltung der alten Exemplare ist sehenswert. Durch sozial­dokumentarische Fotografien von Jacob A. Riis und Dorothea Lange oder die sakral anmutenden Aufnahmen aus dem Inneren der First National Bank Boston von Margaret Bourke-White, wird die Entstehung des Spiels in der Geschichte des Kapitalismus verortet. 

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Aernout Mik, Middlemen I, 2001, Videostill, Courtesy the artist & carlier I gebauer, Berlin
Im Casino triumphieren Christoph Büchels getragene Socken über Exponate von Mark Flood, Alicja Kwade, Superflex, Jochen Höller und anderer, die meist wenig originell die Relativität des Geldwertes und das Casino der Finanzmärkte thematisieren. Diesbezüglich scharfsinniger: Elfriede Jelineks Stück „Wirtschaftskomödie“ mit dem sich das Theater an der sehenswerten Schau beteiligt.          

 

Gutes böses Geld.
Staatliche Kunsthalle Baden-Baden
Lichtentaler Allee 8a, Baden-Baden, sowie Stadtmuseum, Casino und Theater Baden-Baden.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 19. Juni 2016.

 

 




Staatliche Kunsthalle Baden-Baden