29/03/16

Curtains Wide Shut

Ulla von Brandenburg entwirft im Haus Konstruktiv magische Bühnensettings zwischen Realität und Illusion

von Dietrich Roeschmann
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Ulla von Brandenburg, Shadowplay, 2012, Filmstill, courtesy the artist and Art : Concept, Paris; Pilar Corrias, London; Produzentengalerie Hamburg, Foto: Laurent Montaron

Jeden Tag öffnen wir Dutzende von Türen, und egal, ob wir wissen, was uns dahinter erwartet – die Erfahrung sagt uns: Kein Problem, ist nur eine Tür, die dich in einen anderen Raum führen wird oder nach draußen an die frische Luft. Und auch das wissen wir: Ins Reich von Horror, Wahnsinn oder Tod führen Türen nur im Kino – oder im Traum. Umso irritierender ist der Empfang, den Ulla von Brandenburg (*1974) den Besuchern im Zürcher Haus Konstruktiv bereitet. Aus dem Foyer fällt man hier in einen schummrigen Bühnenraum, in dem sich schwere Vorhänge von der Decke auf einen rohen Bretterboden senken. An einigen Stellen sind die mürben Stoffbahnen mit Seilen zu niedrigen Durchgängen gerafft, so dass man hier im Zick-Zack-Kurs von Vorhang zu Vorhang geleitet wird wie durch den Erwartungsraum eines Versprechens, das sich jedoch in nichts als der beständigen Aufschiebung seiner Erfüllung einzulösen scheint. Am Ende steht man hinter der Bühne, wo es kaum anders aussieht wie vor der Bühne.

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Ulla von Brandenburg, Curtains, 2011/16, Ausstellungsansicht Museum Haus Konstruktiv, 2016, Foto: Stefan Altenburger
Das merkwürdige Parallelgefühl von vibrierender Erwartung und dezenter Enttäuschung, das sich beim Abtauchen in die wallenden Stoffmassen einstellt, ist durchaus erwünscht. „Manchmal ja, manchmal nein” hat die in Karlsruhe geborene und in Paris lebende Künstlerin ihre Installation betitelt. Die Unentschlossenheit, die darin anklingt, bezieht sich auf Anton Tschechows Jugendstück „Platonow”, eine monströs ausufernde Komödie über einen zynischen Provinz-Bohemien, der mit gelangweilter Lust an der Destruktion die eigenen Utopien vom besseren Leben, die er seinen dekadenten Freuden entgegen hält, in Lethargie erstickt. Auch in Zürich scheint die Zeit irgendwo zwischen Vergangenheit und Zukunft zum Stillstand gekommen zu sein. Unter der Decke hängen Requisiten, an der Wand lehnen ein paar Ruten und Bambusstäbe, aus denen man schöne Traumfänger basteln könnte. Ähnliche Objekte finden sich im Obergeschoss wieder, bilden dort mal zarte Mobiles, die wie Strandgut im Raum schweben, mal posieren sie als fragile Naturschönheiten vor großformatigen Leinwänden, auf denen monochrome Faltenwürfen in unterschiedlichen Farben von enorm plastischer Tiefenwirkung zu sehen sind. Was diese Tücher bedecken entzieht sich nicht zufällig dem Blick. Wie in vielen von Ulla von Brandenburgs Arbeiten geht es hier um die Inszenierung des Verbergens selbst – und um den eigentümlichen Sog ins Surreale, den dieses Spiel erzeugt. Eingesponnen in einen diffusen Raum zwischen Realität und Illusion, können wir uns nie sicher sein, ob wir nun Zuschauer, Akteure oder lediglich Marionetten dieser Inszenierung sind. Auch die Stoffe, die so plastisch über die Leinwand fließen, als hätte von Brandenburg ihre Keilrahmen darin eingewickelt, erweisen sich als Illusion. Zu sehen sind hier lediglich die Schatten, die mit lichtempfindlichen Chemikalien behandelte, mehrfach gefaltete Textilbahnen auf den Leinwänden hinterlassen haben. Je näher wir hinschauen, desto mehr verweigert sich das scheinbar Manifeste unserem Zugriff. Es ist wie mit den Fächern, Spiegeln, Schachbrettern oder Glaskugeln, die von Brandenburg für ihren hypnotischen 16-mm-Film „The Objects” (2009) in einer langen Flucht aufgereiht hat, um sie während der Kamerafahrt in die Tiefe des Raumes Ding für Ding an unsichtbaren Fäden aus dem Bild ziehen. Der Blick der Kamera, der die Objekte zum Leben erweckt, schlägt sie zugleich in die Flucht. Man könnte darin eine schöne Metapher für die Neugier erkennen, die einen in dieser Ausstellung durch die Räume treibt, sich im konsequenten Aufschub ihrer Befriedigung aber irgendwann in einen seltsam angenehmen Fatalismus verwandelt. „Versteh’n und nicht verstanden werden, das ist hier gefragt”, singt dazu in der Ferne eine lethargische Frauenstimme. Begleitet von ätherischen Synthesizer-Akkorden eröffnet ihr Gesang das absurde „Shadowplay” (2012), in dem drei Schauspieler nach dem Umkleiden in der Garderobe mit Scherenschnitt-Figuren ihrer selbst eine Art Stück im Stück aufführen. Was wie ein lebensechtes Schattenspiel über die theatrale Doppelidentität von Rolle und Person wirkt, erweist sich hier lediglich als eine Rückprojektion der auf Video gebannten Szene auf einem Stoffvorhang. Der Magie tut das keinen Abbruch.       

 

Ulla von Brandenburg: Manchmal Ja, manchmal Nein.
Haus Konstruktiv
Selnaustr. 25, Zürich.
Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 11.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 8. Mai 2016.




Haus Konstruktiv