24/04/12

Landbewässerung

Groteske Kontinuitäten: "Von Posada bis Alÿs. Mexikanische Kunst von 1900 bis heute" im Kunsthaus Zürich.

von Annette Hoffmann
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Groteske Kontinuitäten: "Von Posada bis Alÿs. Mexikanische Kunst von 1900 bis heute" im Kunsthaus Zürich.1842margolles.jpg

Ein Reinigungsfahrzeug sprüht Wasser auf die Straße. Es ist heiß, die Landschaft, durch die die schnurgerade Straße führt, wirkt karg als hätte es lange nicht mehr geregnet. Eine „Picnic Area“ wird für die nächste Meile angekündigt. In der Ferne zeichnen sich Berge ab. Die Straße, die der Tankwagen in Teresa Margolles‘ Video „Irrigación“ entlangfährt, verläuft zwischen Texas und Mexiko. In der Freihandelszone haben sich die großen Maquiladores, Fabriken multinationaler Unternehmen, angesiedelt, Drogenkartelle bekriegen sich unerbittlich und vor allem Ciudad Juárez ist für Morde, die an den Fabrikarbeiterinnen verübt werden, berüchtigt. Das Wasser, das in Margolles‘ Arbeit auf der Straße verdampft, hat die Kleidung jener Toten gewaschen, die am Rand des Highways 90 aufgefunden wurden. Es scheint, als ob das Blut der armen Bevölkerung Mexikos den Boden düngte.

Die Ausstellung „Posada bis Alÿs. Mexikanische Kunst von 1900 bis heute“ im Kunsthaus Zürich bindet die zeitgenössische Kunst Mexikos an die Anfänge sozialkritischer Druckgrafik zurück. Vor allem José Guadalupe Posada, der die Tagespresse mit seinen politischen Karikaturen belieferte und ein Anhänger der zapatistischen Bewegung war, schuf Anfang des 20. Jahrhundert eine groteske Bildsprache. Er staffierte Skelette mit den Insignien der Revolution oder der neuesten Mode aus. Es war vor allem Adel und Klerus, die er mit seinen Holzschnitten und Ätzungen angriff.

Die kleine Schau besteht weitgehend aus Grafiken einer Schweizer Privatsammlung. Sie ergreifen Partei: für die Armen, die Arbeiter der Sisalplantagen und Mütter, die gegen den Krieg demonstrieren. Man sollte Margolles, Carlos Amorales oder den in Mexiko lebenden Belgier Francis Alÿs nicht als Nachfolger Posadas missverstehen. Doch die Drastik, derer sich vor allem Teresa Margolles in ihren Arbeiten bedient, bekommt hier einen historischen und ästhetischen Kontext. In einer Serie, die zwischen 2008 und 2011 entstand, schreibt Alÿs einer Wüstenlandschaft Worte wie Terror, Collapse of order oder turmoil ein. Der Titel von Margolles‘ Arbeit „Irrigación“ hingegen zitiert die alte Forderung der Landbevölkerung nach Bewässerung ihrer Felder. Noch immer wird sie auf eine zynische Weise eingelöst.

Von Posada bis Alÿs.
Mexikanische Kunst von 1900 bis heute.
Kunsthaus Zürich

Heimplatz 1, Zürich.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 10.00 bis 20.00 Uhr, Samstag, Sonntag, Dienstag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 20. Mai 2012.
Kunsthaus Zürich