23/03/16

Verwitternde Erinnerungen

In der Villa Merkel in Esslingen befasst sich der irische Künstler Willie Doherty mit schwierigen Heimaten

von Annette Hoffmann
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Willie Doherty, Remains, 2015, courtesy the artist und Villa Merkel, Esslingen; Alexander von Bonin, New York; Kerlin Gallery, Dublin; Matt’s Gallery, London; Galerie Peter Kilchmann, Zürich; Galería Moisés Pérez de Albéniz, Madrid

Wenn man nur lange genug die Videos von Willie Doherty (*1959) betrachtet, kommt irgendwann der Punkt, an dem man zu glauben meint, hinter oder besser zwischen den Bildern könnten sich weitere auftun. Wenn sich der gefesselte, halbnackte Körper des jungen Mannes, der in „The Amnesiac“ einen Moment kurz zu sehen ist, wie ein Nachbild hält. So als hätte alles einen doppelten Boden. Das hängt ganz wesentlich mit Dohertys Erzähltechnik und Kameraführung zusammen. Doherty wiederholt die Einstellungen und umkreist die Dinge bis man sowohl die räumliche als auch die zeitliche Orientierung verloren hat. Und dann ist die Außenwelt – wie etwa in „Buried“ – in stetem Übergang begriffen. Harz tropft aus der Rinde, überall wachsen Pilze, hier kriecht eine Larve, dort eine Schnecke. All diese Lebewesen scheinen den Wald zu verdauen. Fast erwartete man ein Schmatzen als Tonspur, doch was man in Dohertys Einzelausstellung „Home“ in der Villa Merkel tatsächlich akustisch wahrnimmt, ist der gedämpfte Lärm eines Tumult. Manchmal meint man einen Hubschrauber zu hören. Die Bilder der verwaisten Feuerstelle, von der wenige Minuten später kleine, einsame Flammen aufsteigen, des zurückgelassenen Mülls, der Bäume und des nahegelegenen Gewässers sind derart aufgeladen, als handelte es sich um den Tatort eines Verbrechens.

Mit solchen Ambivalenzen ist Willie Doherty bekannt geworden. Oft sind seine Videoarbeiten und Fotos in seiner Geburtsstadt Derry entstanden, die Schauplatz des Nordirland-Konfliktes war. Am 30. Januar 1972 fand hier der „Bloody Sunday“ statt, bei dem 26 unbewaffnete Demonstranten von englischen Soldaten getötet wurden. Willie Doherty war Augenzeuge dieses Massakers. Die Unterdrückung, der Hass und die Gewalt scheinen in die Stadt gesickert zu sein wie Wasser in marode Gebäude. In „Remains“, einer Videoarbeit aus dem Jahr 2013, nimmt uns eine Erzählerstimme mit auf einen Gang vorbei an Mauern, Stacheldraht und Baracken. Sie erzählt von drei Männern einer Familie und der Rache der IRA. Ein Körper geht zu Boden, ein Fuß im Rücken, dann die Schüsse, rekapituliert die Stimme. „Kneecapping“ heißt diese drastische Vergeltungsmaßnahme, als sei die einzige Handlung, die aus einer Kniescheibe hervorgehen könnte, sie kaputtzuschießen. So wie jede Generation neu auf diese Weise bestraft wurde, so wiederholen sich in „Remains“ Textpassagen und das Motiv eines brennenden Autos. „Ich kann mich nicht erinnern, ich kann es nicht vergessen“, beschreibt die Stimme das Trauma. Willie Doherty, der 2007 Irland auf der Biennale von Venedig vertrat, friert in seinen Fotos diese Atmosphäre ein. Abgerissene Treppen, die nirgendwo mehr hinführen, zugemauerte Durchgänge oder grünes Moos an Mauern beschreiben eine Stadt, die zum Bollwerk wurde, das nun verwittert, ohne die Stadt und ihre Menschen jemals losgelassen zu  haben.

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Willie Doherty, In a corner, 2015, courtesy the artist und Villa Merkel, Esslingen; Galerie Peter Kilchmann, Zürich
Hatte sich Doherty 2012 bereits mit seinem Beitrag zur documenta (13) von Irland entfernt und mit der deutschen Landschaft und Geschichte befasst, so führt die in diesem Jahr entstandene Zwei Kanal-Videoinstallation „Home“ mitten in die aktuelle politische Situation. Ihr Titel benennt einen Mangel, denn der junge, dunkelhaarige Mann, mutmaßlich ein Flüchtling, wirkt übernächtigt und verloren. Teilnahmslos läuft er an einem Fluss vorbei, von dem ihn eine Absperrung auf Distanz hält, einmal berührt er einen Zweig, der über den Weg gewachsen ist. In der zweiten Projektion ist der gleiche Protagonist an dem betonierten Ufer des Flusses zu sehen. Er reinigt sich umständlich die Hände und nimmt mehrere Steine aus seinem Rucksack, um sie aufzutürmen. Einen Moment später wird er sich daneben zum Schlafen legen. Gut möglich, dass Europa diese psychische Gefasstheit so lange beschäftigen wird wie „The Troubles“ Nordirland.        

 

Willie Doherty: Home.
Villa Merkel
Pulverwiesen 25, Esslingen.
Öffnungszeiten: Dienstag 11.00 bis 20.00 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 24. April 2016.

 

 




Villa Merkel