20/02/16

Natural Tweets

Martin Kohouts Soloschau "Jokes Machines Make about Humans: Second Infusion" im Kunst Raum Riehen

von Dietrich Roeschmann

Exile_MartinKohout_Riehen_048klein.jpg

Martin Kohout: Jokes Machines Make about Humans: Second Infusion. Installation view, Kunst Raum Riehen, 2016


Es gibt sicher Angenehmeres, als sich von vier Fingern eine PIN ins Gesicht hacken zu lassen, um dann auf Befehl zu tun, was gerade von einem verlangt wird: Kamera öffnen! Gesicht scharf stellen! „Klack” machen wie ein Fotoapparat! Und dann diesen immer gleichen prüfenden Blick ertragen, bevor – Touch! Instagram öffnen! – das Wischen über die Filteroptionen beginnt. Sieht so ein gutes Leben aus? Wohl kaum.


Kein Wunder also, dass sich die Technik dafür gerne an uns rächt. Mit minutenlang auf dem Screen drehenden Laderädchen zum Beispiel, hinter denen das System ein kleines Nickerchen einlegt. Oder mit Qualitätsverweigerung, um unsere Anspruchshaltung in die Schranken zu weisen. Da werden dann schnell mal Verbindungen gekappt oder Dateien unauffindbar versteckt.
Martin Kohout liebt diese Allüren der Technik. Für den 31-jährigen Absolventen der Frankfurter Städelschule, dem der Kunstraum Riehen derzeit eine ebenso kluge wie kurzweilige Soloschau widmet, sind sie das Material, aus dem er seine Post-Internet-Kunst macht. Sein Ansatz ist nachvollziehbar. Denn wo sonst wird die Ambivalenz zwischen der Souveränität und der Abhängigkeit des menschlichen Subjekts, zwischen Selbst- und Fremdbestimmung greifbarer als im Störfall der Beziehung zwischen Mensch und Maschine? Kohout interessiert die Frage, was Technologien mit uns machen – und welche Möglichkeiten sich daraus ergeben, die Welt aus einer anderen Perspektive zu sehen.


Einen schönen Einstieg ins Thema bietet da die Videoarbeit „Sjezed”, mit der Kohout die beliebte These, das Smartphone sei eine digitale Prothese des modernen Körpers, einem krassen Analog-Test unterzieht. Während eines Spaziergangs ließ er sein Handy dafür mit eingeschalterer Kamera über Geländer, Hecken, Stacheldraht und Wände schleifen, als ginge es darum, die Welt per Hardware wie mit Händen zu greifen. Das Resultat ist ein hysterisch verwackelter Videotrip durch den urbanen Raum, unterfüttert vom ohrenbetäubenden Rumpeln und Kreischen des überforderten Mikros. Die Arbeit hat eine charmante Pointe: im Gegensatz zum menschlichen Auge nämlich wird keine Software der Welt je erkennen, was in "Sjezed" eigentlich zu sehen ist – das hektische Datenchaos zwingt sie zur Kapitulation.   

Exile_MartinKohout_Riehen_061klein.jpg

Martin Kohout: Jokes Machines Make about Humans: Second Infusion. Installation view, Kunst Raum Riehen, 2016


Der erfrischende Humor, mit dem Kohout hier Körper, Bild und Technik gegeneinander ausspielt, ist typisch für seine Erkundungen des Erfahrungsraumes zwischen analoger und digitaler Wirklichkeit. So grübelt er im Video „Designed Encounter” zu einem bizarren Wrestlingkampf exotischer Schalentiere darüber nach, warum alles, was er am Computer entwirft, am Ende immer so wirkt wie ein Witz, den sich die Maschine über ihn ausgedacht hat. In einer Soundarbeit, die vom Dachgeschoss aus leise durch das Haus rieselt, verliest ein Stimm-Double des legendären Tierfilmers Sir David Attemborough den Beschwerdebrief eines 3-D-Druckers, der es satt hat, ständig Kopien von Dingen anfertigen zu müssen, die sich als Kunst ausgeben. Das eigentliche Herzstück von Kohouts Schau ist jedoch die raumgreifende, von weichen Laserzeichnungen durchkämmte Installation "Fallout Original Soundtrack". Den seltsam synthetisch anmutenden Klangteppich zu dieser Dämmerlandschaft aus verbeulten Käfigarchitekturen, in denen in Latex verpackte Keramikhände auf Mooskissen lagern wie die Horror-Requisiten aus einem David Lynch-Film, erzeugen Dutzende von lebenden Grillen. Ein Lockruf der Natur? Möglich. Nicht weniger plausibel aber erscheint es, dass sie hier höhnisch das Zirpen von Tweet- oder Whatsapp-Eingängen imitieren.


Martin Kohout: Jokes Machines Make about Humans: Second Infusion.
Kunst Raum Riehen
Baselstr. 71, Riehen / Basel.
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 13.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 27. Februar 2016





Martin Kohout (Website des Künstlers)
Kunst Raum Riehen