25/02/16

Horizonterweiterung

Das Kunstmuseum Solothurn macht „Die Linie im Kopf“ von Christoph Rütimann sichtbar

von Simon Baur

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Christoph Rütimann, Zeichnung London, 2014, Foto: Stefan Rohrer
Christoph Rütimann (*1955) gehört mit zu den bedeutendsten Schweizer Künstlern der Gegenwart. 1993 vertrat er die Schweiz an der Biennale in Venedig, 2007/08 waren seinem Werk grosse Ausstellungen im Kunstmuseum St. Gallen, im Kunstmuseum Thurgau sowie im Kunstmuseum Bonn gewidmet. Momentan ist er im Kunstmuseum Solothurn zu sehen, mit einem umfassenden Überblick über sein zeichnerisches Werk.

Die Ausstellung mit dem Titel „Die Linie im Kopf“ schliesst auch eine Auswahl von Videoarbeiten und Objekten mit ein, da auch sie sich an der Linie orientieren. Dass eine solche Ausstellung im Kunstmuseum Solothurn stattfindet, ergibt durchaus Sinn. Das Museum und sein Team haben sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten zu einem Kompetenzzentrum für Zeichnung entwickelt. Wichtige Schweizer Positionen wurden in Solothurn immer wieder mit ihrem zeichnerischen Werk präsentiert. Die zeichnerischen Manifestationen Rütimanns finden sich auch im ersten Obergeschoss, integriert in die permanente Sammlung, die wichtige Werke von Ferdinand Hodler, Cuno Amiet und Markus Raetz enthält. Rütimann füllt die Lücken zwischen den einzelnen Werken mit eigenen Bildern, die Abstände betragen tatsächlich nur wenige Millimeter, auf denen eine durchlaufende schwarze Linie zu sehen ist. Diese Aneinanderreihung schafft eine nie gesehene Präsenz und ermöglicht es, die Bilder der Sammlung stärker in einem inneren Zusammenhang zu sehen. Das damit eine Horizonterweiterung verbunden ist, dürfte klar sein.

Weshalb fühlt man sich bei den einzelnen Zeichnungen oder den Installationen von Christoph Rütimann an die Stadtveduten von Giovanni Battista Piranesi erinnert? Der italienische Kupferstecher verstand es wie wenige Schraffuren unterschiedlich einzusetzen und dadurch den Helldunkel-Kontrast in damals unbekannte Sphären zu erhöhen. Hinzu kommt, dass es sich bei den Stadtveduten, die für Folianten bestimmt waren, oft um Text-Bild-Kombinationen handelt und dieses beziehungsreiche Verhältnis für eine besondere Dynamik sorgt. Indem die Linie sowohl in eine Zeichnung wie auch eine Handschrift münden kann, ist die Schrift der Zeichnung unmittelbar verwandt. Doch nicht nur, jeder Schreibende darf sich zu recht für Sekunden als Künstler fühlen. Das besondere an Christoph Rütimanns Zeichnungen ist ihre Vielschichtigkeit. Wer die Ausstellung besucht, denkt oft an unterschiedliche Zeichner und doch ist es immer derselbe. Sie wirken wie Topographien, Nachstellungen von Schlachtverläufen, wobei auf den einzelnen Papieren auch unterschiedliche Hierarchien feststellbar sind. Auch die Bildtitel unterstützen die narrativen Elemente: „Die endlose Linie“, „Passepartout“, „Ausrisse“, „Aus der Wiese“, „Aus dem Schnee“, verweisen auf die Weite des Feldes der Linien und der leeren Flächen.

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Christoph Rütimann, Die grosse Linie, 1989, installiert als Sammlungslinien im Kunstmuseum Solothurn, 2015/16, Foto: Dominique Uldry
Die Linie manifestiert sich auch in Rütimanns Videoarbeiten. In den „Handlauf“-Videos entführt er uns auf eine Reise entlang von Handläufen, Mauerkannten und Zäunen durch fremde Städte und Gegenden. Das erinnert an Lucius Burckhardts Promenadologie und an den etwa zeitgleich durch Marc Augés etablierten Begriff des „Non-Lieu“, des Un-Ortes. Und unter Berücksichtigung dieser gedanklichen und visuellen Freiheit sind Christoph Rütimanns Zeichnungen zu sehen. Was wir sehen, wird tatsächlich zu einem Liniengewirr im Kopf und dieser ist ja gemäss Picabia „rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.“ Passen Sie also auf, dass kein Klumpenrisiko entsteht!     

 

Christoph Rütimann: Die Linie im Kopf.
Kunstmuseum Solothurn
Werkhofstr. 30, Solothurn.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 17.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 3. April 2016.
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Edizioni Periferia, Luzern 2016, ca. 48 Franken | 45 Euro.

 

 




Kunstmuseum Solothurn