24/02/16

In der Dunkelkammer der Geschichte der Zukunft

Marina Pinsky übersetzt Fotografie in skulpturale Praxis und entwickelt daraus komplexe Rauminstallationen mit Ortsbezug

von Dietrich Roeschmann

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Marina Pinsky, Installationsansicht Dyed Channel, Blick auf Landscape (Pharmakon I-XXIV), 2014-2015, Kunsthalle Basel, 2016, Foto: Philipp Hänger
Wenn in diesen Tagen die Geschäftsberichte von Novartis und Hoffmann-LaRoche veröffentlicht werden, dürfte sich trotz aktueller Dollarstärke kaum etwas an den Top-Rankings der Pharma-Riesen verändert haben. 2014 belegten die beiden Basler Unternehmen mit 58 beziehungsweise 48 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz Platz 2 und 3 der internationalen Charts der Chemieindustrie.

Ein surreales Bild für die Wirkungen und Nebenwirkungen dieses Erfolgs für die Stadt am Rheinknie hat die in Moskau geborene Künstlerin Marina Pinsky (*1986) derzeit in der Kunsthalle Basel arrangiert. Gleich im ersten Saal ihrer Soloschau „Dyed Channel” liegen am Boden rund zwei Dutzend Tablettenstreifen im Maßstab 30 : 1 verstreut. Man bräuchte einen riesigen Daumen, um diese Pillen aus ihren zweieinhalb Meter langen Verpackungen zu drücken: groß wie Salatschüsseln ruhen sie rund, oval oder rautenförmig in durchsichtigen Plastikkapseln, der Farbpsychologie des Arznei-Marketings folgend könnte es sich um Antidepressiva (hellgrün) oder Verhütungsmittel (lavendelfarben) handeln. Statt eingeprägte Konzernlogos zieren die aus Ton geformten Riesentabletten Architekturansichten Basler Pharmakonzerne: ein Grundrissplan des Novartis-Campus, ein Treppendetail im neuen Roche-Tower oder Zelte zur Aufbereitung kontaminierter Erde auf dem ehemaligen Produktionsgelände von Sandoz und Ciba Geigy, die 1996 zu Novartis fusionierten.  

 

Die Recherche zu „Landscape (Pharmakon I-XXIV)” kostete Marina Pinsky mehrere Monate und führte sie zurück bis ins Jahr 1668, als der Basler Weber Emanuel Hoffmann-Müller mit einem aus Holland in die Schweiz geschmuggelten Bandstuhl die Textilproduktion am Rhein rationalisierte und damit den Reichtum Basels begründete, der zugleich eine Neuordnung der Besitzverhältnisse in der Stadt nach sich zog. Die Nachkommen seines Textilimperiums legten mit der Entwicklung synthetischer Farben im 19. Jahrhundert schließlich den Grundstein für die chemische Industrie in Basel. Der Rhein – Hauptexportader für ihre Produkte – diente ihnen dabei auch zur Entsorgung der giftigen Abwässer ins benachbarte Ausland.

Es sind solche verborgenen, komplexen Geschichten, die Pinsky interessieren. Dass ihre Tablettenstreifen rückseitig mit aus dem Internet heruntergeladenen Fotografien aus verlassenen Chemiefabriken bei Brüssel bedruckt sind, wo die Künstlerin derzeit lebt, ist so irritierend wie konsequent. Zwar entziehen sich die Aufnahmen dem Blick der Besucher, doch tatsächlich reicht allein der Hinweis auf ihre Existenz, um das Interesse an Vertiefung zu schüren: Nichts ist so wie es scheint, denn unter jeder Oberfläche, anhand der wir einen Gegenstand zu identifizieren glauben, verbirgt sich eine weitere Schicht, die wiederum Trägerin von Geschichte und Bedeutung ist.

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Marina Pinsky, Installationsansicht Dyed Channel,  Kunsthalle Basel, 2016, Foto: Philipp Hänger
Viele der Arbeiten, die Marina Pinsky in Basel zeigt, beruhen auf diesem Prinzip der Schichtung und Montage verschiedener Bezüge und Haltungen und schärfen so den Blick für überraschende Zusammenhänge. Maschinell aus Lindenholz gefräste Kopien von Kühlbehältern für Eizellen, wie sie in der Life-Science-Industrie verwendet werden, tragen hier handgeschnitzte Griffe, was die High-Tech-Laborutensilien wie bizarre Gesellenstücke aus der Urzeit analoger Handwerkskunst wirken lässt. Daneben flankieren überdimensionale Modellbau-Sets für künstliche Sonnenblumen eine Diaprojektion mit Aufnahmen aus historischen Samenbanken und naturkundlichen Spezialmuseen. Und während im Saal nebenan auf Glas gedruckte Fotografien alter heimischer Fische über Unterwasseraufnahmen vom verwaisten Grund des Rheins schweben, nutzt Pinsky das riesige Oberlicht im letzten Saal als Leuchtkasten für eine aus knapp 300 Einzelbildern montierten Fotocollage der Unterseite einer „Concorde” in Originalgröße. Überwältigung stellt sich hier trotzdem nicht ein. Im Gegenteil. Trotz ihres gewaltigen Ausmaßes wirkt diese Arbeit wie ein subtiler Kommentar auf die Tücken der Geschichte der Zukunft und das Fortleben ihrer gescheiterten Utopien in der Gegenwart.  

Marina Pinsky: Dyed Channel.
Kunsthalle Basel
Steinenberg 7, Basel.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.30 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 10. April 2016.

 

 




Kunsthalle Basel