23/02/16

Reise ins Ungefähre

Die schottische Künstlerin Susan Philipsz bespielt das Kunsthaus Bregenz mit einer Soundinstallation, die einen etwas verloren zurücklässt

von Christian Gampert

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Susan Philipsz, Night and Fog, 2016, Foto: Markus Tretter, Courtesy the artist, Galerie Isabella Bortolozzi Berlin und Tanya Bonakdar Gallery New York, © Susan Philipsz/Kunsthaus Bregenz 2016
Kann man mit einem Sound, mit einer Klang-Skulptur Traurigkeit darstellen? Wehmut? Melancholie? Oder braucht es dafür nicht doch ein Lied, ein Orchesterstück, eine Stimme? Susan Philipsz (*1965) verändert öffentliche Orte durch ihre – wie aus dem Nichts kommenden – Klänge. Hier in Bregenz hat sie nun den Dunst des grauen, nebelverhangenen Bodensees quasi ins Akustische übersetzt und ins Museum geholt: in den drei Stockwerken erklingen jeweils verschiedene Instrumente, die Klarinette, Blechblas-Instrumente, die Geige. Der Klang kommt aus vielen Lautsprechern, die hier aber ganz offen im Raum montiert sind und von der Decke hängen. Allerdings hören wir kein Stück – jeder Ton schallt aus einem anderen Lautsprecher. Und jeder Ton ist extra gespielt und in einem Berliner Studio aufgenommen. Die Komposition wird fragmentiert und kommt uns beiläufig aus den unterschiedlichsten Ecken des Raumes entgegen. Das Ganze ist also von der technischen Seite her kompliziert, von der Wirkung aber ganz einfach. Die leeren, grauen, kubischen Räume des Museums, die der Architekt Peter Zumthor geschaffen hat, werden zu einer sakralen, kirchenartigen Halle, in der die Museumsbesucher verloren herumstehen. Die eingespielten Sounds schaffen eine mysteriöse Atmosphäre, einen Zustand des Schwebens.

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Susan Philipsz, Night and Fog, 2016, Foto: Markus Tretter, Courtesy the artist, Galerie Isabella Bortolozzi Berlin und Tanya Bonakdar Gallery New York, © Susan Philipsz/Kunsthaus Bregenz 2016
Und das heißt: mitten im Museum stehen wir in einer Winter-Stimmung. Die Klarinette wirkt wie ein Schiffshorn vom Bodensee; aus den anderen Stockwerken wehen Blechbläser- und Streicher-Phrasen herein. Die ursprüngliche Komposition, die von Philipsz in ihre Einzelstimmen und Einzeltöne zerlegt wird, stammt von Hanns Eisler. Es ist die Musik zu einem Film von Alain Resnais aus dem Jahr 1955, „Nuit et Brouillard“, Nacht und Nebel. Der Regisseur nimmt eine nächtliche Aktion der Nazis im besetzten Frankreich, bei der zahlreiche Personen in die KZs verschleppt wurden, zum Ausgangspunkt für eine Dokumentation über die deutschen Konzentrationslager. Der Film ist im Souterrain zu sehen und hinterlässt deutlich Wirkung. Im Film sieht man Leichenberge und wie sie weg geschafft werden, man sieht Kranke und Tote. Oben im Museum sollen diese Bilder im Kopf des Besuchers mitlaufen. Das tun sie aber nicht unbedingt – an den Wänden hängen nämlich Fotos von zerstörten Musikinstrumenten – später erfahren wir: sie wurden durch den Krieg zerstört. An den Wänden hängen – auf Notenblättern ‒ auch jene Akten-Notizen, die der amerikanische Geheimdienst von dem verdächtigen Subjekt Hanns Eisler anfertigte, der vor den Nazis floh und in den 1950er Jahren noch im amerikanischen Exil war.

Das ist alles konzeptuell stimmig, aber im Grunde bleibt es doch im Atmosphärischen, im Ungefähren stecken. Eine historische Grundierung finden die Sounds der Susan Philipsz erst 20 Kilometer weiter, auf dem Jüdischen Friedhof von Hohenems. Das ist die zweite Station der Ausstellung. Der Friedhof stammt aus dem 16. Jahrhundert und liegt am Waldrand an einem Hang; steile Treppen führen nach oben, wie übrigens auch im Kunsthaus. Philipsz hat nun ihre Lautsprecher in die Bäumen montiert, die den Friedhof begrenzen, und so schweben sich wiederholende Flötentöne über der letzten Ruhestätte von Generationen Hohenemser Juden. Das ist bizarr und geheimnisvoll und wirkt nun selber wie im Film.

Philipsz‘ Soundstationen brauchen also den städtischen, ländlichen oder auch historischen Ort. Im Museum ist die Irritation, die ihre Klänge erzeugen, bald vorbei. Man hat dort den Verdacht, die Soundskulptur sei nur die Basis für etwas anderes, Größeres, das noch kommen könnte… kommen müsste. Es kommt aber nicht. Auf dem Hohenemser Judenfriedhof dagegen ist man in Gesellschaft der Toten. Ihr Klagegesang schallt nun als Flötenton aus den Bäumen.     

Susan Philipsz: Night and Fog.
Kunsthaus Bregenz
Karl-Tizian-Platz, Bregenz.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 3. April 2016.

 

 




Kunsthaus Bregenz