19/02/16

Decodierung der Landschaft

Zwischen Klimawandel und symbolträchtiger Romantik: Mariele Neudecker im Zeppelin Museum in Friedrichshafen

von Florian Weiland

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Mariele Neudecker, Think of one thing, 2002, Ausstellungsansicht: ARS06, Museum of contemporary Art Kiasma, Helsinki 2006, courtesy the artist and Galerie Barbara Thumm
Unberührte Natur? Gibt es nicht mehr. Überall hat der Mensch seine Spuren hinterlassen. Im unteren Ausstellungssaal des Zeppelin Museums türmen sich in den Glasvitrinen, die Aquarien gleichen, mächtige Berge. Die Modelle sind täuschend echt gemacht, doch bestehen sie nicht aus Eis, sondern aus Kunststoff. Zu den Füßen der Miniaturberge steigt dichter, künstlicher Nebel empor. Wer genau hinsieht, entdeckt in den majestätischen Gebirgen Zeugnisse der Zivilisation. Eine Straße, ein Tunnel, Berghütten und Masten. Die Vitrinen haben unterschiedliche Höhen. Die Inszenierung ist wohl durchdacht: in vielen ihrer Arbeiten thematisiert Mariele Neudecker (*1965) den Blick. Mit raffinierten Inszenierungen lenkt die Künstlerin, die in Bristol lebt und arbeitet, die Wahrnehmung des Ausstellungsbesuchers. Vor allem aber möchte sie zeigen, wie beschränkt unsere Sicht auf die Natur ist.

Das Zeppelin Museum zeigt die erste museale Ausstellung von Mariele Neudecker in Deutschland. Die in Düsseldorf geborene Künstlerin nimmt mit ihren multimedialen Installationen Bezug auf den Klimawandel und spielt zugleich mit den Landschaftsvorstellungen der deutschen Romantik. „Another day“ besteht aus einer Doppelprojektion. Wir sehen zugleich die Sonne auf- und untergehen. Eine Verdoppelung des Kitsches. „Over and Over, Again and Again“ verwandelt ein Landschaftsgemälde von Karl Friedrich Schinkel in eine dreiteilige Skulptur, aufgeteilt in Vorder-, Mittel- und Hintergrund. Vom richtigen Standpunkt aus gesehen, erscheint in den drei Vitrinen wieder eine einzige Landschaft – in 3D. Der Wald, das symbolträchtige Urbild der Romantik, darf nicht fehlen. Mächtige Baumstämme wachsen bis zur Decke und scheinen sie wie Säulen zu stützen. Die Natur wird zum Artefakt. Doch auch die echt wirkenden Bäume sind eine Täuschung. Es sind nur Abgüsse aus Fiberglas.

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Mariele Neudecker, Faintly Falling Upon All the Living and the Dead (1‐3), 2008, Ausstellungsansicht Galerie Barbara Thumm, Foto: Lepkoski, Courtesy the artist & Galerie Barbara Thumm, Berlin
Mariele Neudecker sucht die „Natur jenseits der Landschaft“. Sie decodiert den Landschaftsbegriff als ideale geistig-philosophische Konstruktion und zerlegt ihn in seine inszenatorischen Bestandteile. Mittels Soundinstallationen, Videodokumentationen, Skulpturen, Fotografien und künstlichen Nachinszenierungen wird der Wandel in unserer Wahrnehmung der Landschaft vor Augen geführt. Die Künstlerin nimmt uns mit auf ihre Reisen in die Antarktis oder den Regenwald.

Ein Expeditionsschiff bahnt sich den Weg durch das ewige Eis. Die raumfüllende Installation im Obergeschoss gehört zu den Höhepunkten der Ausstellung. Eisschollen wachsen in den Raum. Doch die ganze Anlage verbirgt ihren provisorischen Charakter nicht. Die Holzpaletten, auf denen die weißen Bretter ruhen, sind deutlich zu sehen. Und während uns die Monitore noch vorgaukeln, wir befänden uns an Bord eines Schiffes und die Eisschollen würden an uns vorüberziehen, wird diese Illusion umgehend wieder aufgebrochen. Wir sehen immer nur einen kleinen Ausschnitt des Ganzen. Um das zu verdeutlichen, stellt Neudecker ihre Miniaturlandschaften auch mal auf den Kopf.

Kunsthistorische Bezüge finden sich in vielen Arbeiten Neudeckers. Aber nirgendwo sind sie so explizit wie in der Stillleben-Galerie am Ende der Ausstellung. Die Fotoarbeiten gleichen den Bildern der Alten Meister. Doch anders als die niederländischen Maler zeigt Neudecker nicht exotische Früchte, prunkvolles Geschirr oder Glas. Sämtliche Gegenstände auf ihren Bildern sind aus Plastik. Jede Fotografie zeigt den Inhalt einer Inventarbox einer wissenschaftlichen Sammlung. Lampenschirme, Plastikbecher und Butterdosen sind perfekt arrangiert. Beleuchtung und Hintergrundgestaltung entsprechen perfekt den niederländischen Vorbildern. Neudecker kreiert moderne Vanitas Stillleben. Eine Werkserie voll bitterer Ironie. Denn während Blumen und Früchte in den Gemälden dem Zerfall preisgegeben sind – nicht selten sind verwelkte Blumen oder faulige Stellen zu sehen – wird uns der Plastikmüll noch sehr lange erhalten bleiben.     

 

Mariele Neudecker: Some Things Happen All At One.
Zeppelin Museum
Seestr. 22, Friedrichshafen.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 3. April 2016.

 

 

 




Zeppelin Museum