18/02/16

Schwarz als Ursprung

Im Musée d’art moderne et contemporain de Strasbourg bringt Valérie Favre aus „La première nuit du monde“ Malerei hervor

von Annette Hoffmann
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Valérie Favre, Lady Bird, 2010, courtesy Gnyp Collection and Springmeier Collection, Foto: Uwe Walter, © ADAGP Paris 2015
Unter dramaturgischen Aspekten gesehen ist das nicht der schlechteste Spannungsbogen. Flaniert man durch die drei Räume von Valérie Favres Ausstellung im Musée d’art moderne et contemporain in Strasbourg, wechselt die Wandfarbe von Rot zu Schwarz. Nicht grundlos hängen die Zeichnungen zu Maurice Blanchots Roman „Thomas l’obscur“ im mittleren Raum, gab er Favres Ausstellung doch den Titel „La première nuit du monde“. Und wenn es in diesem Roman um die Erfahrung des Lesens geht, so ist das Thema der Welsch-Schweizerin die Wahrnehmung. Valérie Favre (*1959), die mittlerweile in Berlin lebt, wo sie auch an der Universität der Künste lehrt, hat als Bühnenbildnerin und als Schauspielerin gearbeitet bevor sie zur Malerei fand.

Wahrnehmung bedeutet hier auch, dass es gar nicht so leicht ist, zu den Bildern – insbesondere den großformatigen Triptychen – den richtigen Abstand zu finden. Favres ambivalente Haltung gegenüber der Figuration und der Abstraktion löst sich in ihren Arbeiten ein, indem Szenisches und Ungegenständliches einander gleichwertig erscheint, also mal das eine, mal das andere hervortritt. Favre praktiziert ein Sowohl-als-auch, aber welche Motivation sollte sie auch haben, sich für das eine oder gegen das andere zu entscheiden? Allein ihre 1995 begonnene Serie „Balls and Tunnels“ – in Strasbourg wird daraus ihre letzte 2015 entstandene Arbeit gezeigt – ist insofern unerzählerisch als sie nichts abbildet. Die Malerin verzichtet hier auf jede persönliche Geste oder einen erkennbaren Pinselstrich. Bis zu ihrem Lebensende will sie pro Jahr eines dieser Bilder schaffen. Es ist wohl auch ein Versprechen, das sie sich selbst gegeben hat. Und auch das ist eine Erzählung.

Vielleicht muss man diese Ausstellung sogar in dem Raum beginnen, der dem Nachtstück gewidmet ist, um dann zu dem festlichen Rot zu gelangen. Im Schwarz ist bereits alles andere angelegt und gebiert eine Welt von Ungeheuern. An der Wand zieht sich die kleinformatige Serie „Ghost“ entlang, die in den letzten Jahren nach Goyas „Hexenflug“ von 1797/98 entstanden ist. Deutlich sind die spitzen Hüte der Figuren und die Komposition zu erkennen, die Favre immer wieder variiert. Mal haben sie ein Opfer in ihrer Mitte, mal tanzen sie im Reigen. Favre zeigt sie zusammen mit Zeichnungen und Collagen, die nicht weniger düster zu sein scheinen, es finden sich Anspielungen auf Ferdinand Hodler und auf Heinrich von Kleist. Man fühlt sich aber auch an Blake oder Füssli erinnert – alles sehr anti-rationalistisch. Dass gegenüber die Werkgruppe der „Fragmente“ hängt, ist da vielleicht nur ein vermeintlicher Widerspruch. Die Bilder des nächtlichen Himmels, mit ein bisschen Weiß oder Grau am Rande des Alls sind da nur eine andere Weltsicht oder ein anderes Erklärungsmodell.

„Thomas s’assit et regarde la mer“, so beginnt die Abschrift von Blanchots Roman, zwischen den Passagen oder auch in den Text hat Favre kleine Gouachen oder Zeichnungen eingefügt: Bäume, Menschen, ein Knochenmann, ein explodierender Vulkan. Die Erweiterung der Literatur in die Malerei ist dabei so durchlässig wie der Text selbst. Favre arbeitet in Zyklen, die Teil eines geistesgeschichtlichen Kosmos sind und die innerhalb ihres eigenen Werkes immer wieder Schnittmengen bilden. Auch der Hauptgruppe „Les grands théâtres“, die bereits im Titel das Theater zitiert, könnten verfremdete Narrative zugrunde liegen oder zumindest Fragmente bekannter Bilder eingefügt sein. Man würde sich nicht wundern, wenn sich unter die Menge erregt wirkender Gaukler, Rittern, Soldaten mit Trommeln und Schaustellern Folterknechte befänden. Und auch wenn Favres Farbigkeit hier etwas Elektrisierendes hat, die an Daniel Richter erinnert, würde man sich nicht wundern, hätte man es hier eigentlich mit einem fröhlichen Totentanz zu tun. 

 

Valérie Favre: La première nuit du monde.
Musée d’art moderne et contemporain
1 Place Hans Jean Arp, Strasbourg.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 27. März 2016.
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Editions de Musées de Strasbourg 2015, Französisch, 208 S., 32 Euro




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