17/02/16

Kunstdiskurs unter digitalen Bedingungen

Das Pionierwerk "My Boyfriend Came Back From the War" von Oliana Lialina und seine Follower

von Jürgen Reuß

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Oliana Lialina, mbcbftw, 1996
In ihren Anfängen war die Netzkunst angetreten, übliche Kunstmarkt- und Ausstellungsgepflogenheiten hinter sich zu lassen und sich in den erhofften Freiheiten unendlicher digitaler Weiten neue Existenzgründe zu schaffen. Wenn ein Pionierwerk wie „My Boyfriend Came Back From The War” (MBCBFTW) von Netzkunstpionierin Olia Lialina nun schon seit 20 Jahren andere Künstler anregt, sich daran abzuarbeiten, muss es sich andererseits nicht wundern, schließlich doch einmal im Museum zu landen.

„Wir sind kein Museum“, erhebt Lukas Zitzer, Pressesprecher des HeK, Einspruch. Das Haus der elektronischen Künste auf dem Basler Dreispitzareal definiert sich lieber als interdisziplinärer Ort, an dem kreative und kritische Diskurse über die ästhetischen, gesellschaftspolitischen und ökonomischen Auswirkungen von Medientechnologien stattfinden – und als Kompetenzzentrum für Sammlungsmethodik von digitaler Kunst.

Wie immer man den Ort nennt – den eigenen Anspruch löst das HeK mit der Ausstellung der russischen Netzartisten überzeugend ein. Sehr facettenreich wird der Kunstdiskurs unter digitalen Bedingungen aufgedröselt. Wenn Kunst aus einer beliebig oft identisch reproduzierbaren Rechenoperation besteht, was ist dann ein Original? Spielt der Ort, an dem sie ausgeführt wird eine Rolle? Die Ausstellung positioniert sich dazu deutlich: Die Internetadresse ist integraler Bestandteil des Originalkunstwerks. Wird es unter anderer URL gehostet, ist es trotz identischer Funktionalität eine Kopie.

 Dazu ist auch von Betrachterseite entscheidend, welches Gerät das digitale Werk erzeugt. Als Olia Lialina „MBCBFTW“ 1996 erstmals online stellte, hatten die meisten den damaligen Discounter-Rechner von Highscreen. Der brauchte selbst bei einem nicht mal 200 Kilobyte großen Kunstwerk eine gewisse Zeit, bis er die Grafiken aufbaut. Das kann das Publikum der Ausstellung jetzt selbst nachvollziehen. Sowohl Lialinas Original als auch alle in den darauffolgenden zwei Jahrzehnten davon beeinflussten Werke laufen auf den zugehörigen elektronischen Geräten aus der jeweiligen Entstehungszeit – mit entsprechenden Aufbauzeiten für die sich interaktiv in Bildschirmframes entklickende Geschichte.

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Guthrie Lonergan, Burgers ((My Boyfriend Came Back From the War)), 2012
Ob die Rolle des Remix bei der Tradierung digitaler Kunst oder die der Künstler als Transformationsdesigner, die Werke in Ballerspiele, E-Commerce und Tweetpflückapp übersetzen – ein Besuch im HeK bietet etliche Ansätze für kreative Diskurse. 8704 Menschen gefällt das, 1520 folgen und 2549 sind Abonnenten.   

 

Olia Lialina, My Boyfriend Came Back From the War. Onlince since 1996
Hek
Freilager-Platz 9, Münchenstein-Basel.
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag 12.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 20. März 2016.

 

 




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