15/02/16

Die Macht der Metapher

Henrik Håkansson erkundet Zyklen und Repräsentationsmuster der Natur im Kunstverein Freiburg

von Dietrich Roeschmann

hakansson.jpg

Henrik Håkansson, A Tree (Suspended), 2016, Installationsansicht Kunstverein Freiburg, 2016, Foto: Marc Doradzillo

Henrik Håkansson (*1968) hat ein eigenwilliges Verhältnis zur Natur. Für eines seiner Projekte etwa, das der schwedische Künstler 2012 in den Räumen der Karlsruher Galerie Meyer Riegger präsentierte, ließ er eine stattliche Eiche vor laufender Kamera auf freiem Feld explodieren. Den so entstandenen Splatterfilm in Slow Motion zeigte er inmitten der Trümmer des Baumes, die er eigens dafür im Galerieraum arrangiert hatte. Das klingt, zugegeben, ziemlich böse – so als hätte Joseph Beuys dem toten Hasen einst nicht die Kunst erklärt, sondern den Vorgang seines eigenen Verreckens. Man könnte darin aber auch den Versuch lesen, mit den Mitteln der Dekonstruktion einen perfekten Kreis zu beschreiben.

Seit den späten Neunzigern erkundet Håkansson  die Zyklen und Repräsentationsmuster der Natur und übersetzt sie in Raum- und Videoinstallationen, in denen sich Minimalismus, Ökologie und Naturromantik auf denkbar effiziente Weise die Hand reichen. Das gilt auch für seine aktuelle Soloschau „A Tree (Suspended)”, für die er eine tote Buche aus dem Schwarzwald in den Saal des Freiburger Kunstvereins verfrachtete. Knapp 20 Zentimeter schwebt sie dort nun über dem Boden, in vertikaler Balance gehalten von vier dünnen Stahlseilen und beleuchtet von zwei Spots, die zarte Schatten seiner schütteren Krone an die Wände werfen. Sie wirkt wie nicht von dieser Welt und zugleich wie ein schamlos ausgestelltes Opfer willkürlicher Gewalt. Die Verlorenheit, die wir in ihr zu erkennen glauben, erzählt viel über unsere Sehnsucht nach Identifikation, mit der Håkansson hier spielt. Ein Baum ist eben nie nur ein Baum. Entwurzelt, zerzaust und sprichwörtlich in den Seilen hängend, gewinnt die tote Buche zwar an Individualität, verliert aber auch alles Natürliche und mutiert so zur monströsen Metapher. Ihr Anblick weckt vielfältige Assoziationen: Heimatlosigkeit, Umweltzerstörung, Vergänglichkeit, Tod. Der durch die straffen Seile erzwungene Schwebezustand ruft Folterszenen von Abu Ghuraib ins Gedächtnis oder Songzeilen aus Billie Holidays „Strange Fruit”.

Håkansson bricht diese Macht der Metapher durch eine leise Ironie, die erst im Zusammenspiel mit den anderen Arbeiten spürbar wird. Auf einer eigens konstruierten Wand, die den Blick in den Saal des Kunstvereins versperrt, hängt gleich im Entrée ein monochromes Bild. Das stumpfe Schlammbraun des Gemäldes hat Håkansson aus dem Boden gewonnen, in dem die Buche am Rosskopf bei Freiburg wuchs, der Titel benennt die exakten GPS-Koordinaten. In regelmäßigen Abständen klingt dazu das Bersten von Holz aus dem Nebenraum. Der Dialog dieser isolierten Details erzeugt das seltsame Gefühl, sich hier durch die Sprengzeichnung eines organischen Zyklus zu bewegen: Ein toter Baum ohne Erde, die ihrerseits zum Bild verarbeitet in Sichtkontakt zu einem baumhohen Boxengestänge hängt, aus dessen Lautsprechern wie als höhnisches Memento mori das Krachen einer beim Fällen zersplitternden Ulme dröhnt – das wirkt wie die absurde und zugleich zutiefst melancholische Beschwörung des Augenblicks des Sterbens in Endlosschleife.

Auf der Galerie schließt sich dieser Kreis mit dem 360-teiligen Porträt einer Eiche. Die Fotografien zeigen den immer gleichen Baum in einer sich von Bild zu Bild verändernden Landschaft. Läuft man die Serie ab, taucht am Horizont langsam ein Kirchturm auf, Hecken ziehen vorüber, Dächer Felder, Büsche. Bis man am Ende überrascht feststellt, dass die Eiche, die Håkansson hier in 360 Schritten mit der Kamera umkreist hat, sukzessive aus der eigenen Wahrnehmung verschwunden ist – und zwar zugunsten ihres Lebensraumes, der sie gewissermaßen als Negativform umschließt.

 

Henrik Håkansson, A Tree (Suspended)
Kunstverein Freiburg
Dreisamstr. 21, Freiburg.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 12.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 12.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 6. März 2016.

 

 




Kunstverein Freiburg