16/02/16

Im Wohnzimmer des Oktopus

Die Ausstellung „Echo of untouched matter“ in der Münchner Kunsthalle Lothringer 13 zeigt: Wir waren nicht die ersten

von Roberta De Righi

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Ulrich Gebert, UR (1000s), 2015
Der „Große Hasengott“ segnet riesige Eier, die dicke Männlein unter ihren T-Shirts davontragen – dabei ist er ein falscher Hase: Immer wieder müssen ihm die Ohren langgezogen werden. Der Zeichentrickfilm des japanischen Künstlers Atsushi Wada wirkt dabei weniger wie eine niedliche Parodie auf Ostern, sondern führt dem Betrachter vielmehr die, vielleicht oskure, Bereitschaft des Menschen zum (Irr-)Glauben vor. Wadas animierte Bilder zeigen in drei Kurzfilmen seltsame Rituale des Menschen gegenüber der Natur, die an den Untertitel „Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker“ von Freuds „Totem und Tabu“ erinnern. Sie sind Teil der Ausstellung „Echo of untouched matter”, die derzeit in der Münchner Lothringer13  zu sehen ist, einer jener städtischen Kunst-Institutionen, die der jüngeren Szene Raum zum Experimentieren bieten.

Kurator Jörg Koopmann will – ausgehend vom Konzept des vom Ressourcen-Raubbau durch den Menschen geprägten Erdzeitalter Anthropozän – die „Beziehung des Menschen zu anderen Lebewesen und seiner Umwelt“ beleuchten und vom „menschlichen Handlungs-, Wissens- und Schaffensdrang“ erzählen. Dazu lud er sechs Künstlerinnen und Künstler ein, jeweils zwei aus Nordamerika, Japan und München. Einige ihrer Kunstwerke erinnern an Pflanzen und Tiere, deren Existenz weit in die Erdgeschichte zurückreicht: Etwa Katrin Petroschkat, die in ihrer Klang-Installation „Millions and Millions of Years“ ein Glas mit Blaualgen mit einer Schallplatte rotieren lässt,  auf der wiederum Mantra-artige Gesänge erklingen. Die Blaualge war vor 2,5 Milliarden Jahren einer der ersten Organismen, die Photosynthese betrieb, Sauerstoff freisetzte und so dazu beitrug, dass auf der Erde eine Atmosphäre entstand, die Leben ermöglichte. In die Unterwasserwelt tauchte auch der Japaner Shimabuku ein, er ging in Italien auf Oktopus-Fang: Nach einer antiken Methode lockte er sie lebend in Tonamphoren – und bebildert nebenan anhand von Objekten die fast menschlichen Züge der Kopffüßler, die allerlei Fundstücke mit in ihre Höhle nehmen und sich quasi „einrichten“.

Der US-Amerikaner Jason Fulford ließ sich von einer auf dem Flohmarkt erstandenen Foto-Sammlung von Pilzen zu der vielgestaltigen Wand-Installation „The Mushroom-Collector“ inspirieren, die das vorgefundene Material mit überwiegend formalen Assoziationen kombiniert, durch den Kontext aber inhaltlich eher aufgeladen als entschlüsselt wird. Sein Landsmann Ryan Thompson begab sich für „Bad Luck, Hot Rocks“ in den „Petrified Forest“ nach Arizona, wo es 200 Millionen Jahre altes versteinertes Holz gibt. Er dokumentiert anhand von Fotografien und Briefen ein erstaunliches Phänomen: Besucher stehlen dort immer wieder Steine als Andenken und schreiben ihnen magische Kräfte zu: Häufig schicken sie die entwendeten Stücke mehr oder weniger reumütig zurück und beschreiben in begleitenden Briefen, dass sie ihnen Unglück gebracht hätten.

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Jason Fulford, The Mushroom Collector, 2014
Mit dem Urtier Auerochse setzt sich wiederum Ulrich Gebert in Schwarzweiß-Fotografien und Dokumenten auseinander: Der wurde schon in steinzeitlichen Höhlenmalereien verewigt, starb aus und kam im 20. Jahrhundert vermehrt als Name für Militär-Jeeps und U-Boote vor. Doch seit den 1920er Jahren versuchte man, den Ochsen quasi zurück zu züchten, was in Bayern inzwischen gelungen ist.

„Echo of untouched matter“ hat eine klare Botschaft: „Wenn man akzeptiert, dass fast alle Lebewesen, die um uns existieren, deutlich mehr Evolutionserfahrung haben, könnte sich Besonnenheit als andere Art der Naturwissenschaft ausbreiten“. Das ist unbedingt zu wünschen. Auch wenn fraglich ist, ob die Kunst einem derart feststehenden Interpretationsgerüst standhalten kann.

       

Echo of untouched matter.
Lothringer13 Halle
Lothringer Str. 13, München.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 20. März 2016.

 

 




Lothringer 13