15/02/16

Pionier ostwärts

„The Chinese Lives of Uli Sigg” von Michael Schindhelm kommt in die Kinos

von Mathias Heybrock

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Uli Sigg, © 2016 T & C Film
Der Luzerner Unternehmer Uli Sigg ist ein hervorragender Kenner Chinas; seine Sammlung chinesischer Gegenwartskunst die bedeutendste und größte weltweit. Das „chinesische Leben“ des 69-jährigen Juristen nachzuzeichnen, hat sich nun der Regisseur Michael Schindhelm vorgenommen. Er schildert zunächst, wie Sigg als Angestellter des Schweizer Fahrstuhl- und Rolltreppenbauers Schindler eher zufällig nach China kam. Gleich Ende der 1970er Jahre war das, China begann gerade, sich dem Ausland zu öffnen. Sigg verhandelte über ein Joint Venture mit einem chinesischen Unternehmen, was extrem schwierig war, aber schließlich gelang. Es war eine Pioniertat, die für alle zukünftigen Engagements westlicher Firmen in China Modellcharakter hatte.

Bilder aus dieser Zeit zeigen Sigg bei zahllosen Sitzungen, auf denen endlos geredet wurde, aber nie wirklich entschieden. Dass er diesen Verhandlungsstil nicht mit dem arroganten Effizienzgebaren eines westlichen Ingenieurs beschleunigen wollte, so Sigg, habe irgendwann dann den Durchbruch gebracht. Wenn man so will, ist es eine Schlüsselszene: Sigg reagierte offen und neugierig auf die ihm fremde (Gesprächs-)Kultur. Das trug ihm den Respekt seiner Gegenüber ein. Sigg war in China schnell sehr beliebt und bestens vernetzt – das sah auch die Schweizer Regierung, die ihn 1995 für drei Jahre als Botschafter nach Peking schickte. In diese Zeit fällt der Beginn seiner Sammlertätigkeit.

Neben Sigg kommen in Schindhelms Film einige „seiner“ Künstler zu Wort. Zum Beispiel Ai Weiwei, der durch Sigg riesengroß wurde. Auch der Pekinger Künstler Fang Lijun verdankt Sigg seine Karriere. Sigg freilich hatte nicht Wertsteigerung oder den Starstatus der Künstler im Sinn, als er zu sammeln begann. Er erkannte in der jungen chinesischen Kunst – oft genug entstand sie im Untergrund – einen Seismographen, der die Beben der jüngeren Geschichte Chinas ebenso aufzeichnete wie den gewaltigen gesellschaftlichen Wandel. Einen Großteil der imposanten Sammlung, die über die Jahre entstand, wird Sigg nächstes Jahr verschenken. Bislang an seinem Wohnsitz Schloss Mauensee bei Luzern ausgestellt, gehen die Werke dann nach Hongkong – in das noch im Bau befindliche Museum M+.

„The Chinese Lives of Uli Sigg“ ist ein sehr reicher Film. Das Archivmaterial aus den Jahren der Öffnung ist toll; die zu Wort kommenden Protagonisten hochinteressant. Doch die Dichte des Films macht ihn auch etwas atemlos. Zuweilen wünscht man sich Vertiefung, etwa zu Siggs Sammlertätigkeit: Gab es beim Kauf von dissidenter Kunst keine Probleme mit offiziellen Stellen? Dafür bleibt der Dissens nicht ausgespart. Dass Sigg seine Sammlung nach Hongkong gibt, ist Ai Weiwei gar nicht recht, der das auch sehr deutlich sagt. Er befürchtet, dass Peking über kurz oder lang seinen Einfluss geltend machen und Zensur ausüben wird – und plädiert statt dessen dafür, die für Hongkong bestimmten Bilder lieber im Mauensee zu versenken.     

The Chinese Lives of Uli Sigg
CH 2016, 93 Min., Regie: Michael Schindhelm. Kinostart am 18. Februar 2016.

Chinese Whispers. Sigg und M+ Sigg Collections
Kunstmuseum Bern und Zentrum Paul Klee, Bern.
19. Februar bis 19. Juni 2016.