21/01/16

Wie kommt die Kunst ins Museum?

Julia Voss hat einen Essay über die Mechanismen des Kunstbetriebs geschrieben

von Dietrich Roeschmann

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Julia Voss: Hinter weißen Wänden, Merve Verlag, Berlin 2015, 152 S., 18 Euro | 24.90 Franken
Wie tickt der Kunstbetrieb? Die Literatur zu dieser Frage dürfte mittlerweise Dutzende von Regalmetern füllen. Julia Voss, Kunstredakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, legt nun eine weitere Analyse vor, die sich als Versuch einer Aktualisierung von Brian O’Dohertys einflussreichem Essay „Inside the White Cube” von 1976 versteht. Folgt man ihrer Argumentation, fühlt man sich allerdings eher an den Plot des Sci-Fi-Thrillers „Matrix” erinnert: Hier die breite Öffentlichkeit, die Schlange steht vor Blockbuster-Ausstellungen und staunend Künstlerkarrieren verfolgt, dort ein verschwiegenes Netzwerk von Spekulanten, Sammlern, Museumsleuten und mächtigen Galeristen, die alles dafür tun, aus dem Off die Wege der Kunst in die Öffentlichkeit zu steuern und dabei ihre eigenen Interessen konsequent zu verschleiern. Diese Perspektive auf den Kunstbetrieb ist nicht unbedingt neu, das weiß auch Voss. Doch gerade deshalb wundert sich die Journalistin und Wissenschafts­historikerin über die chronische Zurückhaltung der Kunstkritik, wenn es darum geht, über das bloße ästhetische Urteil hinaus die grundsätzlichere Frage zu stellen, warum wir in Museen und anderen öffentlichen Kunsthäusern genau das sehen, was wir sehen – und anderes eben nicht. Der Kanon, so ihr Fazit, ist nicht das Ergebnis einer gesellschaftlichen Übereinkunft, sondern eine auf handfesten ökonomischen Interessen Weniger fußende Konstruktion. Ihr Essay „Hinter weißen Wänden” liefert dazu reichlich Material, nicht zuletzt über die zwiespältige Rolle der Kunstgeschichte. Ein lesenswertes Plädoyer für eine institutionskritische Kunstkritik. 




Merve