11/02/16

Sinae Yoo

Zeigen der Welten: Das Werk der südkoreanischen Künstlerin ist am Beispiel einer schweizerischen Kleinstadt exemplarisch fassbar

von Etienne Wismer
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Sinae Yoo, More or less human, 2015, Videostill, Courtesy the artist
Über lange Jahre hinweg verkörperte Langenthal den schweizerischen Durchschnitt. Zumindest im Kaufverhalten. Denn das kleine Städtchen im Kanton Bern war der Testmarkt der Schweiz. Mittlerweile gibt es diesen Testmarkt nicht mehr. Man munkelt, er sei der Globalisierung zum Opfer gefallen. Wie so vieles. Die Märkte und die Menschen, die Produkte und die Bedürfnisse, das ist alles viel komplizierter geworden in letzter Zeit. Aber Globalisierung gibt es ja eigentlich schon viel länger. Das berühmte Langenthaler Porzellan beispielsweise eroberte die asiatischen Märkte der Nachkriegszeit im Sturm. Vielleicht essen sie dort noch heute Fondue aus dem „Porzi“-Geschirr. So wie wir Take-Away-Sushi aus irgendwelchen pseudo-asiatisch ornamentierten Plastikschalen essen. Wer weiss, vielleicht schmeckt der amerikanische Reis so wirklich authentischer. Dabei schmeckt er ja kaum.

Die südkoreanische Künstlerin Sinae Yoo (*1985) jedenfalls ist am Geschmack zunächst weniger interessiert als an der Plastikschale. Für grosse Teile ihrer gemeinsam mit Adam Cruces (*1985) bestrittenen Doppelausstellung im Kunsthaus Langenthal dient ihr eben diese Plastikschale als Motiv. In der grossformatig präsentierten Videoarbeit „Enemy” (2016) ist aus der verzierten Haut der Plastikschale ein sich subversiv durch schönste Landschaften und Schlafzimmer schlängelndes, computeranimiertes Ungeheuer geworden. Eines, das seine Form ohne Unterhalt verändert, sich rollen und falten kann und das wunderbar klingt. Die Absolventin des Master of Arts in Contemporary Arts Practice  an der Hochschule der Künste Bern denkt interdisziplinär. Ihre Videoarbeiten leben von messerscharf gemasterten Soundcollagen und glasklaren Bildwelten. In der Künstlichkeit dieser Atmosphäre wirkt die latente Bedrohung dieser undefinierten Kreatur noch grösser. Fast vergisst man, dass „Enemy” eigentlich eine tragische Erzählung ist. Jene der sinnentleerten Ornamentalik, die als Relikt einer fernen Kultur hierzulande zum effekthascherischen und massentauglichen Verpackungsmuster degradiert wird.

Einen ganz neuen Werkzweig im Schaffen Sinae Yoos bilden die Keramiken der Serie „Ridiculous Accuracy in Our Time” (2016). Teile daraus werden sowohl in Langenthal, wie auch an der der jährlich stattfindenden Überblicksschau „Plattform” über die Abschlussjährgänge der grossen Schweizer Kunsthochschulen in Zürich gezeigt. Die Serie besteht aus handgrossen, an südostasiatische Tuschegefässe angelehnten Keramikkreaturen. Spielerisch reichert die Künstlerin die kunsthandwerklichen Töpferarbeiten mit wesensfremden Displayformen an. Dabei bilden Plexiglas oder weiss beschichtetes Sperrholz die Vitrine respektive den Sockel aus. Die Konfrontation differenter Ästhetiken birgt politische Brisanz. Das fabelhaft Exotische leistet Widerstand gegen seine Vulgarisierung. Grelle Neonbeleuchtung oder Sushischalen aus Kunststoff verstärken die Deplatziertheit des Exponats und den daraus resultierenden Dissens mit seiner Umgebung. Sinae Yoos Arbeit lässt erahnen, dass Zeigen und Erzählen immer auch ein Moment der Reduktion, der Machtausübung und der produktiven Fehlinterpretation beinhalten.

 

Sinae Yoo
Kunsthaus Langenthal
Marktgasse 13, Langenthal.
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 14.00 bis 17.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 3. April 2016. 

Sinae Yoo u.a. an der Plattform 16
Kunstraum Walcheturm, Kanonengasse 20, Zürich.
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 12.00 bis 17.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
26. Februar bis 5. März 2016. 

 

 

 




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Kunsthaus Langenthal