04/05/12

Wenn der Alltag zur Kunst wird

Im Kunstmuseum Luzern lässt die tschechische Künstlerin Kateřina Šedá an die verändernde Kraft der Kunst glauben.

von Yvonne Ziegler
Thumbnail

Im Kunstmuseum Luzern lässt die tschechische Künstlerin Kateřina Šedá an die verändernde Kraft der Kunst glauben.7964over.jpg

In der Mitte klafft ein Loch. Schuld ist die Hyundai-Fabrik, die mitten ins tschechische Dorfe Nošovice gesetzt wurde, sodass Straßen zu Sackgassen wurden, man Umwege gehen muss, um auf die andere Seite des Dorfes zu gelangen und Menschen miteinander in Streit gerieten. Denn manch einer wollte sein Ackerland für den Bau der Fabrik nicht verkaufen, während andere ans Geld dachten und den Verkauf des nötigen Landes erzwangen. Solche Situationen interessieren die tschechische Künstlerin Kateřina Šedá (*1977). Sie spürt sie förmlich auf. Für sie steht die Leerstelle stellvertretend für identitätsstiftende Dinge, die das post-kommunistische Tschechien verloren hat: Brauereien, die Stickereien und das böhmische Glas wurden an internationale Konzerne verkauft; Formen des Widerstands gegen den real existierenden Sozialismus verloren ihren Sinn. Der Alltag wurde von den zwiespältigen Mechanismen des kapitalistischen Marktes überschwemmt.

Šedá zeigt diese Löcher nicht nur auf, sondern versucht sie mit den Menschen vor Ort zu füllen. Mit dem Glauben an die verändernde Kraft der Kunst unternimmt sie vermeintlich Unkünstlerisches. Wobei sie dort, wo sie agiert – und das ist zumeist in Dörfern oder Städten – gar nicht explizit als Künstlerin auftritt. Da ihr Werk nicht auf das Kunstsystem von Galerien und Ausstellungsräumen ausgerichtet ist, präsentiert Šedá ihre verschiedenen Projekte im Kunstmuseum Luzern im imaginären Raumsystem der Autofabrik, das durch große blaue Schilder angezeichnet wird: Seat Manufacture, Painting Shop, Wash, Administration... Auf etwa 100 runden Tischen aus Luzerner Privathaushalten sind weiße Tischtücher mit Stickereien zu sehen. Das Loch in der Mitte symbolisiert die unzugängliche Autofabrik, von der aus sich die Einwohner das Aussehen ihres Dorfes vorstellen und zeichnen sollten. Anschließend ließ Šedá die entstandenen Zeichnungen sticken. Im Verlauf ihrer Arbeit mit der Bevölkerung kamen vielfältige Bewusstseinsprozesse in Gang. Zunächst herrschte Verdrängung. Dann entstanden Ideen zur Gründung einer Firma, die das umliegende Gebiet verschönern könnte sowie gezeichnete und gestickte Gegenentwürfe der Umgebung. Hoffnungen auf eine Zeit nach der Fabrik. Das 2009 begonnene Projekt bleibt offen, unabgeschlossen auch für die Künstlerin.

Das Loch als negative Leerstelle und positiv besetzbarer Projektionsort findet sich auch in einer Installation mit Kopftüchern wieder, die ebenfalls mit gezeichneten Motiven von Dorfbewohnern gestickt sind und somit zusammen mit den als Röcke tragbaren Tischtüchern eine Tracht bilden. Bereits als Kind entwickelte Šedá Aktionen, an denen andere Kinder begeistert teilnahmen. Heute bringt sie „normale Menschen“ – zu denen sie sich im Übrigen selbst zählt – dazu, über ihr Leben nachzudenken, mit Nachbarn zu reden und Gewohnheiten wertzuschätzen: Bewohner des Dorfes Bedrichovice gingen vor der Tate Modern ihrem Alltag nach (Teppich ausklopfen, Auto waschen, Kartenspielen), in Ponetovice verbrachten mehrere Dörfler einen Samstag mit den jeweils gleichen Aktivitäten (Straße fegen, Fleischklöße in Tomatensoße essen, Bier trinken) und in Brno-Lišen kamen Nachbarn durch einen Hemdenversand Šedás erstmals in Kontakt. Šedás Aktionen benötigen viel Zeit, Überzeugungskraft und Toleranz. Die Menschen entwickeln immer mit, ihnen wird nichts übergestülpt, Erlöse aus dem Verkauf gehen an sie zurück. Das Alltägliche wird zum Besonderen. Šedá stiftet nachhaltige Gemeinschaftserlebnisse. Anrührend sind die Zeichnungen ihrer Großmutter. Um gegen deren Melancholie anzugehen, ließ Šedá sie in ihrem Gedächtnis stöbern und Eisenwaren ihres Berufslebens zeichnen. Medizin gegen Selbstaufgabe.

Kateřina Šedá: Talk to he sky ‘cause the ground ain’t listening.
Kunstmuseum Luzern

Europaplatz 1, Luzern.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.
Kunstmuseum Luzern