11/02/16

Von Kreuzzügen und Flüchtlingen

Die Ausstellung „Es war einmal ein Land" im Heidelberger Kunstverein verortet den Bürgerkrieg in Syrien historisch

von Sebastian Baden

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Elisabeth Zwimpfer, Ships Passing in the Night, 2015
Der Heidelberger Kunstverein präsentiert unter dem märchenhaften Titel „Es war einmal ein Land“ eine von Susanne Weiß zusammen mit Öykü Özsoy kuratierte Ausstellung, die sich sensibel mit den historischen Bedingungen der aktuellen Kriege im östlichen Mittelmeerraum auseinander setzt. Die Türkei bildet bei den ausstellenden Künstlerinnen und Künstlern sowohl biografisch als auch thematisch einen Schwerpunkt. Im Begleittext verweisen die Kuratorinnen auf die seit rund hundert Jahren andauernde Krise in einer Region, die nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zerfall des Osmanischen Reiches willkürlich neu aufgeteilt wurde. Die historischen Wurzeln des Konfliktes gehen sogar bis auf die Kreuzzüge zurück.

Diese Vorgeschichte erzählt Wael Shawky im ersten Teil seiner Trilogie „Cabaret Crusades: The Horror Show File“ (2010), mit der er an der documenta 13 weltweit bekannt wurde. Shawky inszeniert ein Kreuzfahrerepos mit historischen Marionetten und unterlegt die Handlung mit einer Synchronisation auf Hocharabisch und englischen Untertiteln. Die grotesk gestalteten Figuren wirken faszinierend, an radikaler Propaganda und Gewaltszenen bis hin zum Kannibalismus in den Reihen der Kreuzfahrer wird nicht gespart. Shawky greift auf die von Amin Maalouf zusammengetragenen Quellen über die Kreuzzüge aus arabischer Sicht zurück und bringt so den Blick des ‚Anderen’ in die Geschichte ein.

Vor dem historischen Hintergrund des politisch motivierten Religionskrieges lassen sich viele in der Ausstellung gezeigte Arbeiten thematisch bündeln. Da sind Johanna Diehls Fotografien aus der Serie „Displace“ (2009), die den Zustand leerer, verfallener oder umgenutzter christlich-orthodoxer Kirchen und Moscheen auf der geteilten Insel Zypern festhält oder die von Mounira Al Solh gezeichnete Porträtreihe syrischer Flüchtlinge auf einfachen Notizblättern, auf denen sie in den rasch hingeworfenen Skizzen Gesichter und Schrift verbindet. Auch Elisabeth Zwimpfer wendet sich den Wegen der Flüchtlinge zu und zeigt mit „Ships Passing in The Night“ (2015) einen Animationsfilm zur Migrationsbewegung auf dem Mittelmeer, der nicht nur Kriege, sondern auch klimatische und ökonomische Fluchtursachen, etwa in Afrika, berührt. Persönlichere Geschichten präsentiert dagegen Bengü Karaduman mit ihren Traumnotizen, die sie in der Serie „Dream Diary“ (seit 2014) festhält und auf eine großformatige Wandzeichnung überträgt. Auch Iz Öztat zeigt biografisch motivierte Arbeiten und kollaboriert mit ihrem Alter Ego Zisan, das an eine 1915 vor dem armenischen Genozid aus der Türkei emigrierte, frühe Avantgardekünstlerin erinnern soll.

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Peter Woelck, Frau im Nebel, 1974
Satellitenstationen der Ausstellung sind u. a. die Edition Staeck, wo Poster mit Bildern aus Karadumans Animationsfilm über den türkischen Militärputsch 1980 im Schaufenster hängen, oder die Heidelberger Universitätsbibliothek, in der Hera Büyüktasciyan in Vitrinen fragmentarische Zeichnungen zur christlichen Ikonografie ausgelegt hat. Facettenreich und anspruchsvoll zeigt die Ausstellung aktuelle und historisch tiefschürfende Arbeiten, die das zeitgenössische Kriegstrauma an die Geschichte des Osmanischen Reiches rückbinden. Eine überraschende Brücke dazu schlägt parallel der Berliner Künstler Wilhelm Klotzek, der mit gleich drei Ausstellungsprojekten im Kunstverein die deutsch-deutsche Geschichte Revue passieren lässt. Seine eigenen „ostalgisch“-ironischen Skulpturen, Assemblagen und Gedichte, das Werbefotoarchiv seines Vaters Peter Woelck und die Miniaturen des Kollektivs Klozin beschäftigen sich mit der DDR, von der man auch behaupten könnte, „es war einmal ein Land“.

       

Es war einmal ein Land.
Heidelberger Kunstverein
Hauptstr. 97, Heidelberg.
Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch, Freitag 12.00 bis 19.00 Uhr, Donnerstag 15.00 bis 22.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 19.00 Uhr.
Bis 14. Februar 2016.
Die Fortsetzung der zweiteiligen Ausstellung wird am 26. Februar eröffnet und dauert bis 1. April 2016.

 

 




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