05/05/12

Schau mich an!

Das Museum Franz Gertsch konfrontiert mit den eindringlichen Portraits von Cornelia Schleime.

von Florian Weiland
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Das Museum Franz Gertsch konfrontiert mit den eindringlichen Portraits von Cornelia Schleime.7663ot.jpg

Ein lasziver Blick, ein roter Schmollmund. Eine verführerische und selbstbewusste Frau. Darf eine Nonne so aussehen? Die 1953 in Ost-Berlin geborene Cornelia Schleime die 2008 ihren ersten Roman „Weit fort“ vorlegte, versteht zu provozieren. Im oberen Stockwerk des Franz Gertsch Museums stoßen wir auf ein kleines Aquarell, auf dem der Papst einen ausgemergelten Schwarzen umarmt – oder hält er gar den Tod in seinen Armen? Mit ihren sinnlichen Nonnen und ihren Papst-Bildern polarisiert und irritiert Schleime. Doch das allein erklärt nicht ihren Erfolg.

Ihre überwiegend großformatigen Bilder üben eine Faszination aus, der man sich nicht entziehen kann. Cornelia Schleime malt fast ausschließlich Frauen. Sie wählt dafür ungewöhnliche Blickwinkel und Posen. Jedes Portrait hat etwas Besonderes. Ihre Frauen strahlen Selbstbewusstsein aus und suchen den Blickkontakt mit dem Betrachter. Die Blicke können voller Melancholie und ein anderes Mal kalt und spröde sein. Schleimes Figuren schauen verführerisch, herausfordernd und gelangweilt. Wollen sie uns verlocken oder abweisen? Der Zuschauer ist ihnen ausgeliefert. In den kleinformatigen Aquarellen ist die in Schleimes Werken stets vorhandene, unterschwellige Erotik noch stärker zu spüren. Doch auch wenn ihren Frauen Hirschgeweihe oder Hasenohren wachsen, gibt sie sie nie der Lächerlichkeit preis. Geweihe werden zu Antennen, Haarzöpfe zu tastenden Tentakeln. In „Eulen, die höhlen“, einem Bild aus Schleimes „Camouflage“-Serie, begegnen sich Mensch und Tier und beginnen, miteinander zu verschmelzen. Ihren sensiblen Aquarellen haftet indes etwas Surreales an. Schleime, die unter dramatischen Umständen aus der DDR flüchtete, hat eine Friseurlehre gemacht, eine Punk-Band gegründet, schließlich Malerei studiert und Schmalfilme gedreht. Schleime liebt die Abwechslung. Der Geist des Nonkonformismus prägt ihr vielseitiges Schaffen. Vor allem ihre großformatigen Portraits, bei denen sie mit Acryl, Schellack und Asphaltlack auf Leinwand arbeitet, haben großen Wiedererkennungswert. Insgesamt sind in Burgdorf rund sechzig Werke zu sehen, die zum großen Teil erstmals öffentlich gezeigt werden. Es ist die erste umfangreiche Ausstellung der Künstlerin in der Schweiz.

Etwas hilflos schaut ein Frauengesicht auf dem Bild „Die Melancholikerin“. Der Rest der riesigen Leinwand ist unter einer dicken schwarzen Lackschicht verborgen. Was wurde hier übermalt? Warum hat „Liz“ einen bandagierten Kopf und auf welche frivolen Spielchen wartet die Frau mit den verbundenen Augen? Und welche Geschichte verbirgt sich hinter dem bärtigen Mann, neben dessen Kopf OP-Besteck bereit liegt? Unterzieht sich hier ein islamistischer Terrorist einer plastischen Operation, um nicht mehr erkannt zu werden? Schleimes Figuren geben nicht alle ihre Geheimnisse preis. Und gerade deshalb regen ihre Bilder unsere Phantasie an. „Ich will Opulenz, das große Gefühl. Ich will Tragik, Liebe und Leidenschaft“, erklärt die Künstlerin, die die großen Gesten liebt. In ihren Arbeiten geht es um „das persönliche Sehen, Erleben, Nachempfinden und Betrachten“. Frauenbildnisse überwiegen in ihrem Werk. Dominante Frauen ebenso wie verträumte.

Zwischen diesen beiden Polen findet sich Schleime wieder. So erklärt sich auch das Selbstportrait der Künstlerin. Sie zeigt sich als emanzipierte junge Frau im Stil der 1920er Jahre, im Kostüm einer Reiterin. Mit Reitgerte, Zigarette und einer Krawatte in den deutschen Nationalfarben. Es ist unverkennbar: die Frau in dem Bild strotzt vor Selbstbewusstsein und weiß, was sie will.

Cornelia Schleime. Die Farbe, der Körper, das Antlitz, die Augen.
Museum Franz Gertsch

Platanenstr. 3, Burgdorf .

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 10.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 2. September 2012.
Ein Katalog erscheint im Kerber-Verlag, 80 S., 30 Euro | ca. 42 Franken.
Museum Franz Gertsch