20/01/16

Zurück zum Historienbild

Im Museum für aktuelle Kunst ist eine Retrospektive Arno Rinks zu sehen

von Annette Hoffmann

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Arno Rink, Leichter Wind, 2005, © VG Bild-Kunst Bonn 2015
Man vergisst ja so schnell, wie es gewesen ist. Dieser Mehltau, der auf allem lag, diese Erstarrung. In Klaus Peter Denckers Dokumentation für den Saarländischen Rundfunk wird Arno Rink 1984 gefragt, ob er sich in die innere Emigration zurückgezogen habe. Eigentlich eine ungehörige Frage, schließlich entsprach dies nicht der Rolle der Intellektuellen im Arbeiter- und Bauernstaat und bis dahin stand sie lediglich Künstlern zu, die während des „Dritten Reichs“ gelebt und kaum mehr an die Öffentlichkeit traten. So ganz kann Rink (*1940) nicht von sich weisen, dass sich sein Leben vor allem zwischen Akademie und Wohnung abspielte. Für einen Moment glaubt man zu ahnen, was es bedeutet haben könnte, wenn ein Maler, der im gleichen Jahr mit dem Nationalpreis der DDR ausgezeichnet wurde und zudem noch Rektor der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig war, sich seine Resignation über den Zustand seines Landes eingesteht. Bereits Rinks Diplomarbeit Ende der 60er Jahre setzte der Starre des Historienbildes die Dynamik des avantgardistischen Filmes eines Sergei Eisensteins gegenüber. „Lied vom Oktober I“ machte aus der Chronologie der Ereignisse einen Sog. In der Mitte spricht Lenin von der Tribüne zum Volk, die Oktoberrevolution entlädt sich gewalttätig und rechts verwirklicht sich die Utopie eines besseren Lebens im Kommunismus. Das Pathos sollte bleiben, doch die Gesellschaft verschwand auf Rinks Bildern mehr und mehr in den kommenden Jahren.

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Arno Rink, Das Narrenschiff, 1981-1982, © VG Bild-Kunst Bonn 2015
Die Retrospektive anlässlich von Arno Rinks 75. Geburtstag, die jetzt im Museum für aktuelle Kunst der Sammlung Hurrle als eine weitgehende Übernahme der Kunsthalle Rostock zu sehen ist, spart die Geschichte von BRD und DDR bis auf das Filmporträt des Saarländischen Rundfunks diskret aus. Auch die Hängung der Bilder, deren Wucht für die Räume fast zu groß ist, folgt nicht dem Zeitstrahl. Und doch muss man schauen, wo Rinks Bilder ihren Ursprung haben. Mitte der 1960er Jahre entstehen Straßenszenen, die den öffentlichen Raum als Bühne erscheinen lassen – sowohl für Privates als auch für Politisches, etwa bei dem kleinformatigen Bild „Pogrom“ von 1965. Max Beckmann und Otto Dix und überhaupt die Kunst der 20er Jahre sind hier Vorbilder, gleichermaßen was die expressionistische Verve als auch das Personal der Bilder angeht. Bei „Die Unabhängigen“ von 1972 ist dieses schließlich ganz symbolisch geworden. Mehrere Figuren, sie werden durch eine halbnackte Frau im Morgenmantel dominiert, haben sich zu einer zentralen Gruppe zusammengefunden. Sie stehen stellvertretend für die Erotik, Rauschmittel und Narzissmus und damit für das Mondäne einer Metropole, während hinten am Horizont eine Art Trabantenstadt zu erkennen ist. Rink greift auf mythologische Themen und die Kunstgeschichte zurück. Zehn Jahre später entsteht „Das Narrenschiff“. Die Oberflächen dieser Körper, ihre Haut, ihre Kleidung ist scharf und dramatisch ausgeleuchtet. Rink arbeitet in der Manier der alten Meister und führt vereinzelte Körper und dysfunktionale Gruppen vor. In den Nuller Jahren findet sich immer wieder das antike Motiv des Ikarus, der auch den neueren Bildern etwas Fatalistisches verleiht. Der Surrealismus, etwa eines Salvador Dalí ist für sein Werk wichtig geworden. Viel Raum nehmen in der Retrospektive weibliche Akte ein, die häufig auch zu einer radikalen Selbstbefragung des Künstlers werden. Die Werkgruppe der „Versuchungen” entsteht in den 2000er Jahren - wo Frauen die Erotik verkörpern, darf auch der Tod nicht fehlen. Auf einem Bild von 2006 wird das Gesicht eines Mannes geradezu abgerissen und gibt einen Totenkopf frei. Nicht selten sind es Atelierszenen, in denen man den Maler mit seinem Hund erkennt. Der zurückgezogene, nachdenkliche Künstler ist Rinks favorisiertes Selbstbild geworden.         

Arno Rink
Museum für aktuelle Kunst
Almstr. 49, Durbach.
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 14.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 17. April 2016.




Museum für aktuelle Kunst