12/01/16

Big Dada

Zürich feiert den 100. Geburtstag des Dadaismus mit einem musealen Großaufgebot

von Dietrich Roeschmann
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Hannah Höch, Bedrohung auf der grünen Wiese, um 1920, Kunsthaus Zürich, © 2015, Pro Litteris, Zürich
Als Hugo Ball und Emmy Hennings am 1. Februar 1916 das Hinterzimmer des Zürcher Gasthauses „Meierei” anmieteten, war dem Wirt vermutlich nicht klar, dass sein Laden in den nächsten Wochen zum Treffpunkt einer ziemlich überspannten europäischen Künstlerszene werden würde, die sich während des Ersten Weltkriegs auf der Flucht vor dem Wahnsinn der Welt in der Stadt niedergelassen hatte. Die Eröffnung der temporären Künstlerkneipe fand am 5. Februar mit einer Performance von Hugo Ball statt, in der er im selbst gebastelten Bischofs­kostüm der Ratio den Kampf ansagte: „Mit dem Vernunftprinzip muss gebrochen werden, aus Gründen einer höheren Vernunft”. Was im „Cabaret Voltaire” dann folgte, war ein rauschendes Fest der künstlerischen Revolte gegen den Sinn. Der Raum wurde zur offenen Bühne für exzentrische Performances, Ausdruckstanz, Manifeste, Kostüm- und Maskenspiele, wüste Musikdarbietungen und Sammelpunkt für absurde Prozessionen durch die Stadt: Dada war geboren. Und weil der Irrsinn bald nomadisch wurde, machte das „Cabaret Voltaire” bereits im April 1916 wieder zu. Man darf das konsequent nennen.

Heute pilgern Touristen aus aller Welt in die Zürcher Spiegelgasse 1. Was sie hier auf der Suche nach dem Mythos vorfinden, ist der einstige Veranstaltungssaal und ein Mini-Museum in Gestalt einer düsteren Krypta mit Deckenfresko, das die weltweit verstreuten Dada-Szenen in einer Art Mind-map kartografiert, kaum größer als der angegliederte Dada-Devotionalien-Shop. 2002 hatten Aktivisten aus der Kunstszene das damals leer stehende Gebäude besetzt, 2004 folgte die Legalisierung. Nach diversen, vom ehemaligen Direktor Philipp Meier lancierten Skandalen, die zwar auf kongeniale Weise die Ideen der Dadaisten in die Gegenwart trugen, bei der Politik aber für erheblichen Ärger sorgten, übernahm 2013 schließlich Adrian Notz die Leitung des „Cabaret Voltaire” und probt seither den Spagat zwischen der Historizität des Ortes und der Suche nach dada­istischem Output der aktuellen Kunst. Dass hier nun pünktlich zum 100. Jubiläum von Dada Zürich mit der Eröffnung der Ausstellung „Obsession Dada” am 5. Februar 2016 der Startschuss für eine ganze Reihe musealer Oden an die Antikunst-Bewegung fallen wird, ist nur folgerichtig. Das Kunsthaus Zürich hat aus diesem Anlass eigens Tristan Tzaras „Dada Globe” rekonstruiert, das Schweizerische Landesmuseum wird mit „Dada Universal” einen Bogen von Duchamp bis zur heutigen Alltagskultur schlagen, das Haus Konstruktiv lädt Sadie Murdoch und Ulla von Brandenburg zum großen She-Dada-Update ein und das Museum Rietberg will sich mit „Dada Afrika” dem Einfluss außereuropäischer Kunst auf das Schaffen der europäischen Avantgarde widmen. So viel Dada war noch nie. Ob die breite Aufmerksamkeit allerdings eher zur Reaktivierung oder zur endgültigen Konservierung des Projektes Dada führen wird, dürfte sich erst am Ende zeigen.    

 

 




Dada Zürich 100