08/01/16

Dada und mehr

Das MAMC in Strasbourg erinnert an Tristan Tzara

von Yvonne Ziegler

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Tristan Tzara, Parler seul, 1950, Fonds Michel Leiris, Paris, Bibliothèque littéraire Jacques Doucet  © Successío Miró/ADAGP, Paris 2013
Anhand einer Überblicksschau macht das Straßburger Museum für moderne und zeitgenössische Kunst das breite etwas in Vergessenheit geratene Wirken des Dadaisten, Dichters, Essayisten und Kunstsammlers Tristan Tzara fassbar. Dabei präsentiert es neben Zeichnungen, Manuskripten, Zeitschriften und Büchern auch Werke aus Tzaras Sammlung, die seine Verbindungen zu den Avantgardekünstlern seiner Zeit sowie seine Leidenschaft für außereuropäische Kunst deutlich machen. Des Weiteren wird sein politisches Engagement im spanischen Bürgerkrieg sowie in der kommunistischen Partei der Fünfziger aufgezeigt. Dass Tzara ein sehr eigenständiger, jeglichem Dogmatismus sich verwehrender, klar denkender Geist war, machen zudem Film- und Audiobeiträge eindrücklich spürbar.

Geboren wurde Tzara 1896 als Samuel Rosenstock in Moinești, Rumänien. Angeregt durch europäische Zeitschriften, in denen Texte von Christian Morgenstern, Arthur Rimbaud, F.T. Marinetti oder Alexander Macedonski kursierten, begann Tzara als Jugendlicher Gedichte zu schreiben, die dem Symbolismus verpflichtet waren. 1912 gründete er mit Ion Vinea die Zeitschrift Simbolul, womit eine lebenslange publizistische Tätigkeit ihren Anfang nahm. Schon bald wurden seine Gedichte freier und er begann Sinn und Syntax aufzubrechen. Ende 1915 verließ er sein Heimatland, um Marcel Janco nach Zürich zu folgen, wo er – fortan unter dem Pseudonym Tristan Tzara – zusammen mit Hugo Ball, Emmy Hennings, Hans Arp und anderen im Cabaret Voltaire wilde performative Dada-Abende organisierte. Sie setzten dem sinnlosen Toben des Ersten Weltkriegs antibürgerliche Deklamationen, absurde Laut- und Simultangedichte, Chants nègres, Masken, Trommelwirbel und Tanz entgegen.

Nach Kriegsende ging Tzara nach Paris, wo Dada zunächst weitergeführt wurde und schließlich in den Surrealismus überging. Nicht ohne, dass sich Tzara mit dem selbsternannten Surrealistenpapst André Breton mehrmals überwarf und Dada 1924 für tot erklärte. Er zog sich daraufhin für fünf Jahre ins häusliche Umfeld zurück, schrieb viel und ließ von Adolf Loos am Montmartre ein Haus errichten, das seine inzwischen gewachsene Sammlung aufnahm. Anhand von vielen Fotografien und Werken kann man den künstlerischen Kosmos erahnen, aus dem Tzara seine Gedanken schöpfte. Kurze Wandtexte geleiten durch die Lebensphasen. Es gilt viel anzusehen, in Vitrinen zu entschlüsseln. Manche Bezüge wünscht man sich ausführlicher. Auf jeden Fall macht die Ausstellung neugierig auf mehr, insbesondere auf Theateraufführungen und deutsche Übersetzungen seiner Schriften und Gedichte.        

 

Tristan Tzara
MAMC
1, place Hans Jean Arp, Strasbourg.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 17. Januar 2016.




MAMC