06/05/12

Feuchtbiotop der Sinne

Die Kunsthalle Mannheim zeigt eine überwältigende Retrospektive der Videokünstlerin Pipilotti Rist.

von Dietrich Roeschmann
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Die Kunsthalle Mannheim zeigt eine überwältigende Retrospektive der Videokünstlerin Pipilotti Rist.3602lungenfluegel.jpg

Manche Architekten meinen es wirklich nicht gut mit den Künstlern. In den Siebzigern und Achtzigern zum Beispiel setzte der Museumsbau gerne auf klobige Formate: viel Beton, wenig Fenster, verwinkelte Raumfluchten. Ein Resultat dieser Baukunst steht in London: die Hayward Gallery, ein Monument des Brutalismus. Ein anderes fällt in Mannheim demnächst der Abrissbirne zum Opfer: der ungeliebte Erweiterungsbau der Kunsthalle. Was beide Häuser in diesem Frühjahr miteinander verbindet, ist die Retrospektive der Videokünstlerin Pipilotti Rist. Als wollte die Schweizerin hier den Beweis antreten, dass Kunst imstande ist, selbst die unwirtlichsten Orte in Paradiese zu verwandeln, nahm Rist diese doppelte Herausforderung an und installierte zunächst in London, dann in Mannheim eine Werkschau von geradezu bunkerbrechender Sinnlichkeit.

In Mannheim startet die Charmeoffensive der 49-Jährigen bereits im Außenbereich. Sie hat dafür eigens ihre Seifenblasenmaschine von der letzten Venedig-Biennale mitgebracht, die auf dem Dach des Foyers nun wabernde Regenbogen-Bubbles in den Himmel schickt. In der abgedimmten Eingangshalle beginnen dann die Farbexplosionen. Von der Decke hängt ein riesiger Kronleuchter, zumindest sieht das von weitem so aus. Tatsächlich besteht die Installation aus einem Drahtgestell, an dem Rist Dutzende von Unterhosen aufgehängt hat, um die sie Freunde und Verwandte bat. Von innen dezent beleuchtet, dient die Außenhaut des schwebenden Wäschedepots als Projektionsfläche für einen dieser unvergleichlich farbintensiven Videoträume, mit denen die Künstlerin seit gut zwanzig Jahren an die physiologischen Grenzen unserer Wahrnehmung geht. „Auf unserer Netzhaut haben wir Zäpfchen für blau, rot und grün. Diese Zäpfchen müssen wir reizen“, sagt sie. Zugegeben, das klingt wie das Statement einer Augenärztin, und tatsächlich sind Pipilottis Rists Arbeiten nicht nur medizinisch bestens informiert, sondern auch in ihrer technischen Umsetzung extrem ausgeklügelt. Es ist dieses Spezialwissen, das die Leichtigkeit ihres Videozaubers überhaupt erst möglich macht. In Mannheim gelingt ihr damit eine fast nahtlose Animation der Räume, die ihre Magie aus der ständigen Überblendung intimer, persönlicher Erfahrungen mit den großen Erzählungen von Identität, Körper, Freiheit und Emanzipation entwickelt. Die Verwendung von Unterhosen kann man da durchaus programmatisch versehen: „Sie sind die Hüllen des kompliziertesten Teils unseres Körpers“, sagt Pipilotti Rist, „ein ambivalenter Ort, an dem wir das Licht der Welt erblickt haben, durch den der Müll aus uns heraus kommt und an dem wir die grösste Lust empfangen".

Ausgehend von diesem Feuchtbiotop der Sinne ordnet Rist in Mannheim bekannte Arbeiten wie den „Pickelporno“ (1992), das hypnotischen Videoselbstporträt „I Couldn’t Agree With You More“ (1999) oder die berühmte Doppelprojektion von im Wind wogenden Fackellilien und einer Großstadt-Fee beim fröhlichen Demolieren parkender Autos („Ever Is Over All“, 1997) mit jüngeren Arbeiten wie der irritierend distanzlosen Stuhlprojektion „Lap Lamp“ (2006) zu einem träumerischen Parcours, der in zwei großen Video-Sound-Installationen aus jüngster Zeit mündet. Während die auf schwebende Gaze-Bahnen projizierte Arbeit „Administrating Eternity“ (2011) eine intensive körperliche Erfahrung des Eintauchens in den Bildraum ermöglicht, zieht Rist mit ihrer 3-Kanal-Projektion „Lungenflügel“ (2010) schließlich sämtliche Register der sinnlichen Überwältigung: Saalfüllend gräbt sich hier eine rothaarige Nackte zwischen Schafen und Schweinen durch feuerrote Tulpenfelder und von taufrischen Äpfeln übersähte Wiesen, während die Besucher auf dem flauschigen Teppichboden in Kissen herumlümmeln dürfen. Der viel versprechende Titel der Schau, „Augapfelmassage“, wirkt da fast schon wie Understatement.

Pipilotti Rist: Augapfelmassage.
Kunsthalle Mannheim

Friedrichsplatz, Mannheim.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 24. Juni 2012.
Katalog: Prestel Verlag, München 2012, 200 S., 39,95 Euro | 62 Franken.
Kunsthalle Mannheim