10/12/15

Special Jahresschauen 2015/16, Teil 3

Plötzlich diese Übersicht

von red.

jahresschaukakon.jpgJudith Kakon, Untitled, 2015, sowie Fiona Zhu, Luna Sun, Mermaid Wang, Rainey Lee, Ruby Cheng, Shane He, Summer Pine, Summer Zuo, Summer Xia und Tina Tan, 2015, Installationsansichten der Ausstellung „White Noise”, Kunsthaus Glarus, 2015, Fotos: David Aebi
Wenn Ende November die traditionellen Jahresschauen der regionalen Kunstszenen eröffnen, dürfte es wieder eng werden – nicht nur am Vernissagen-Büffet, sondern auch an den Wänden der rund 40 beteiligten Ausstellungshäuser. Über 500 Künstlerinnen und Künstler wurden in diesem Jahr von den Jurys ausgewählt, um ihre Arbeiten zu präsentieren. Es gibt also viel zu schauen. Doch was genau ist es eigentlich, was wir da zu sehen bekommen? Worum geht es den Künstlerinnen und Künstlern? Was treibt sie an?

Um das herauszufinden,  baten wir zehn Kunstschaffende, die uns in der letzten Zeit auffielen, etwas über die Arbeiten zu erzählen, mit denen sie sich am diesjährigen Panorama der Jahresausstellungen beteiligen.  

 

Judith Kakon

*1988 in Basel, lebt und arbeitet in Basel

Wie produziert man Zeitdokumente, die echt und zugleich fiktiv zu sein scheinen, wie greift man die Beziehung zwischen Werk und realem Objekt, das es inspiriert hat, auf und stellt es zugleich als Quelle in Frage? Welchem Raum ist meine Arbeit gewidmet und welchen Raum trägt sie in sich? Ich möchte, dass meine Werke einen Körper verlangen, ohne dass sie Produkte gleichen, die wir kennen. Sie sollen Prozess, Produktion und Umwandlung in einem Raum und in einem Blick vereinen.

 Die Titel der Arbeiten „Fiona Zhu“, „Luna Sun“, „Mermaid Wang“, „Rainey Lee“, „Ruby Cheng“, „Shane He“, „Summer Pine“, „Summer Zuo“, „Summer Xia“ und „Tina Tan“, welche ich nun an der Ernte 15 im Museum zu Allerheiligen zeige und die ich erstmals im Kunsthaus Glarus in der Ausstellung „White Noise“ ausstellen konnte, sind die Pseudonyme der anscheinend mehrheitlich weiblichen Mitarbeiter der globalen Handelsplattform alibaba.com mit Sitz in Hong Kong. Ihre Bezeichnungen, welche sowohl in der Arbeit selbst sichtbar sind als auch als Titel der Werke dienen, verweisen darauf, wie Repräsentation, Abstraktion und Illusion in einer Arbeit zugleich thematisiert werden können.

Die Werke bestehen aus Glasscheiben, welche mit einer Spiegelfolie verkleidet sind, die besonders in der Corporate Architektur als Sichtkontrolle von transparenten Glasfassaden eingesetzt wird. Die Spiegelfolie agiert als eine sich verändernde Entität, welche durch die selbstprogrammierenden LEDs die Namen der anonymen Mitarbeiter gleichzeitig verbirgt und offenbart und die sowohl als Zustimmung als auch als Verneinung operiert und die Ästhetik sowie auch Unauf­richtigkeit dieser Handels­maschinerie zum Vorschein zu bringen versucht. 

 — Ernte 15. Jahresausstellung der Schaffhauser Kunstschaffenden, 22. November 2015 bis 10. Januar 2016

 

 Anna Hilti

 *1980 in Liechtenstein, lebt und arbeitet in Zürich

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Anna Hilti, In search of the promised land, 2015, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Liechtenstein, Foto: Jirí Hroník
Seit längerer Zeit beschäftige ich mich in meiner künstlerischen Arbeit mit der Emigrationsgeschichte meiner Vorfahren und anderer Liechtensteiner in die USA. Dabei dienen mir sowohl Bildsammlungen von Archiven als auch Informationen zu einzelnen Biografien als Ausgangspunkt.

In der Arbeit „In Search of the Promised Land“ rekonstruiere ich zeichnerisch das fragmentarisch bekannte Leben der Schauspielerin Medea de Novara. Der Name steht für die Künstler­in­identität von Hermine Kindle, die 1925 als junge Frau von Liechtenstein nach Hollywood/Los Angeles auswanderte, um dort den amerikanischen Traum zu verwirklichen. Die frühe Ahnung, dass an einem anderen Ort ein anderes Leben möglich wäre sowie eine gleichzeitig nie abbrechende Verbindung mit der Heimat machte sie bis zum Ende ihres Lebens zur Wanderin zwischen den Welten. Die Installation, die aus zwei Ebenen von Zeichnungen besteht, lässt je nach Blickwinkel andere Fragmente des Bildes sichtbar werden.

Anna Hilti

— Heimspiel 2015, Kunstmuseum St. Gallen, 12.Dezember 2015 bis 21. Februar 2016