09/12/15

Irritation in der gutbürgerlichen Idylle

Die Pinakothek der Moderne zeigt Bilder aus den letzten 15 Jahren von Amelie von Wulffen

von Roberta De Righi
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Amélie von Wulfen, Ohne Titel, 213, Foto: Wolfgang Günzel, © Amélie von Wulffen, courtesy Gío Marconi, Mailand / Galerie Meyer Kainer, Wien / Freedman Fitzpatrick, Los Angeles
Bitte setzen Sie sich – auf Max Beckmann, Vincent van Gogh oder doch lieber Francisco de Goya? Im Saal 21 der Münchner Pinakothek der Moderne hat Amelie von Wulffen (*1966) eine Installation aus bemalten Schulstühlen aufgebaut, einige tragen die Selbstbildnisse berühmter Meister – in ihrem jeweiligen Malstil – auf Sitz oder Lehne. Von hier aus kann man die Projektion ihrer tagebuchartigen (Auf-)Zeichnungen „Am kühlen Tisch“ be­trach­ten, dahinter an der hohen Wand prangen in Petersburger Hängung 24 ihrer Collagen in diversen Formaten.

„Bilder 2000-2015“ ist die Präsentation dieser Künstlerin überschrieben, die an der Münchner Akademie studierte, zwischenzeitlich in den Himmel der jungen deutschen Maler-Sterne hochgeschossen wurde und seither in der künstlerischen Selbstreflexion Schutz vor zu viel Ruhm  sucht. Comic-Strip-Artiges, Foto-Versatzstücke, Bildzitate und der Pinselduktus berühmter männlicher Kollegen: Amelie von Wulffens Prinzip ist die kritische Aneignung. Sie setzt Architektur-Aufnahmen zu irrealen Räumen fort, kombiniert Nah- und Fernsicht zu unmöglichen Perspektiven und nähert sich der geschauten Wirklichkeit fragend fragmentarisch an – was mitunter recht selbstreferenziell wirkt. Einer Realität, die von Kindheit und Jugend in den Siebziger Jahren geprägt ist – zwischen Alexander Solschenizyn, dem „Archipel-Gulag“-Nobelpreisträger und John Travolta, dem Hüftenschwinger aus „Saturday Night Fever“. Beide Konterfeis tauchen hier wie Poster-Boys im Jugendzimmer auf. Daneben aber auch, total BRD-typisch, Eduard Zimmermann mit „Aktenzeichen XY“, der von der unteren Ecke aus eine Collage in Brauntönen regiert:  Die Dürer-Reproduktion einer Nürnberg-Vedute, in deren Mittelgrund eine grüne Arabeske schwebt.

Überhaupt sind jene Bildcollagen am spannendsten, in denen die Ornamente ein Eigenleben bekommen, denn dann droht ein unerklärlich-anarchisches Element alle reflektierte Befangenheit zu übertönen. Und am freiesten wirkt eine gemalte Szene, in dem ein amorphes Monster traurigen Blickes das Klavier traktiert. Amelie von Wulffen schildert gutbürgerliche Idyllen, die in irgendeiner Weise beeinträchtigt oder gar bedroht sind. Doch da sie zugleich in Konventionen und Symbolen erstarrt wirken, ist diese Auflösung ein Hoffnungsschimmer. Häufig findet man Insekten und tote Tiere in ihren Bildern, die morbide Komponente aller Naturkunde erklärt von Wulffen als Faszinosum. Da liegen zwei Hasen aus einem Jagdstillleben von Goya vor einer psychedelischen Farbenaureole oder ein abgetrennter Pferdekopf nimmt den Vordergrund einer ansonsten hochglanztauglichen Seelandschaft ein. Und selbst ein Blumenstillleben wirkt eher monströs denn schön.   

Doch wenn Kurator Bernhart Schwenk davon spricht, dass wir als Betrachter „vollgestopft mit Wissen“ ja oft geradezu „behindert beim Sehen“ seien,  kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, das betreffe auch die Künstlerin. Manche der Großformate wirken, als hätte sie das Bild, das sie malen wollte, vor lauter Motiven im Kopf nicht gesehen und mit bleischweren Händen gefertigt.

Überraschend anders, weil lustig und anrührend, sind hingegen die Miniaturplastiken unterm Spinnennetz in der Ecke: Fliege, Käfer, Schmetterling schlafen hier am Boden. Und in den Gemüse-Cartoons debattieren Karotten, Pilze und eine Zwiebel, eine Kartoffel schimpft Trauben aus und eine süße Erdbeere kuschelt sich an eine dicke Birne. Soviel Sentiment gibt es bei Amelie von Wulffen sonst nirgendwo.    

 

Amelie von Wulffen: Bilder 2000-2015.
Pinakothek der Moderne
Barer Str. 40, München.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 21. Februar 2016.

 

 




Pinakothek der Moderne