08/12/15

Sich kurz fassen

Das Markenzeichen von Ben Vautier ist seine Schrift, seine Retrospektive im Basler Museum Tinguely trägt unverkennbar seine Signatur

von Annette Hoffmann

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Ben Vautier, Exercice sur l’ego, Panneaux jaunes, 1960-2015, Installationsansichten © 2015 Museum Tinguely, Basel; Foto: Daniel Spehr
Die Suche nach der Wahrheit sei für ihn wie die Suche nach dem Material, sagt Ben Vautier. Und: die Wahrheit, der Zweifel und das Ego gehören letztlich zusammen. Auf einen kürzeren Nenner lässt sich die Kunst von Ben Vautier kaum bringen. Vautier ließ es sich nicht nehmen mit dem Auto aus Südfrankreich nach Basel anzureisen – es steht als erstes Werk der Ausstellung jetzt vor dem Museum Tinguely – und zu einem Jour fixe, dem „Welt-Zentrum des Fragestellens“ mit ihm persönlich einzuladen. Die Kunst des Franzosen mit Schweizer Wurzeln lässt sich von seiner Persönlichkeit nicht trennen.

Vautier gehört zu den Mitbegründern der Fluxus-Bewegung, aber auch die Nähe zur Art brut ist in Basel evident. Und so ist die Ausstellung „Ben Vautier. Ist alles Kunst?“ zweigeteilt. Während in den ersten Räumen der Kosmos Ben Vautier einem kunsthistorischen Ordnungssystem unterzogen wird, breitet sich der agile 80-Jährige im großen Ausstellungssaal in 30 Kabinetten aus. Es geht um die Zeit, Tinguely, Sex, seine Keramiken. Ein kurzes Video mit dem Künstler als Hauptdarsteller leitet zu den Themen über.

 Zu sehen sind Assemblagen, Gefundenes, Schriftbilder, Kurioses, neu Arrangiertes. Man muss unweigerlich glauben, dass alles, was Vautier in die Hände fällt oder durch den Kopf geht, zu Kunst wird. Die Räume sind so kleinteilig und verspielt wie das berühmte „Magasin“. Seit 1973 gehört „Le magasin de Ben“ zur Sammlung des Pariser Centre Georges Pompidou, zuvor hatte Vautier mit dem Verkauf von Schallplatten dort seinen Lebensunterhalt verdient und auch Ausstellungen gezeigt, vor allem jedoch seine eigenen Assemblagen und Schriftbilder. Ganz rechts ist an der Fassade sein Vorname „Ben“, der seine Signatur und so etwas wie ein Label wurde, in seiner charakteristischen runden Handschrift zu lesen. „Le Magasin“ wurde zum Szenemittelpunkt von Nizza. Er lernt Arman und Yves Klein kennen, man versteht sich im Süden als Gegensatz zum akademischen Paris.

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Ben Vautier, Geld ist Ego, 2014, © 2015 Museum Tinguely, Basel; Foto: Daniel Spehr
Nach ersten abstrakten Bildern fing Vautier an, alles und jedes zu behaupten und zu hinterfragen. Auf den Rat von Yves Klein ließ er von den Bananen-Bildern ab und befasste sich seitdem mit der Sprache im weitesten Sinne, mit ihrem visuellen Charakter, aber auch mit ihren Aussagen. Er macht es mit Schalk und mit dem Willen, sich von seinen Kollegen abzuheben. Auf der Weltausstellung von Sevilla 1992 düpierte er die Eidgenossen im Schweizer Pavillon mit der Aussage „La suisse n’existe pas“. 2015 behauptet er aber doch „Ben à Bâle“. Orientierten sich die ersten Schriftbilder noch an Verkaufsschildern, fand Vautier bald sichtliches Vergnügen, sich kurz zu fassen. Das aber umfassend. „Ben ist traurig“ hieß es 1971 ebenso wie „Je suis le plus important…“, auch das Schild „regardez moi cela suffit“ fällt in dieses Jahr. Es geht auf eine Aktion aus dem Jahr 1963 zurück, bei der sich Ben Vautier mit einem Schild, auf dem jener Satz stand, in Nizza auf die Straße gesetzt hatte, um sich anschauen zu lassen.

In Basel sind die Dokumentationen dieser Auktionen, die er anlässlich einer Ausstellung Anfang der 70er Jahre fein säuberlich erstellte, zu sehen. Sie zeigen, wie Vautier bekleidet und mit einem Schirm in der Hand ins Meer geht, wie er isst, Grimassen zieht oder schläft. Schaut man sie sich heute an, wird deutlich, wie sehr er mit diesen „Gestes“ eine jüngere Generation an Künstlern beeinflusste. Um die 800 Werke sind nun in dieser Retrospektive vereint. Seine Angst sich zu wiederholen, hatte Ben Vautier schon 1976 in roter Druckschrift auf schwarzem Grund bekannt, die Wiederholung jedoch ist dieser Kunst in ihre Matrix eingeschrieben.          

 

Ben Vautier: Ist alles Kunst?
Museum Tinguely
Paul-Sacher-Anlage 1, Basel.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr. Bis 22. Januar 2015.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Kehrer Verlag, Heidelberg 2015, 256 S., 49,90 Euro | 52 Franken.

 

 




Museum Tinguely