07/12/15

Rätsel und Ruinen

Anlässlich des Zurich Art Prize widmet das Haus Konstruktiv Latifa Echakhch eine Einzelschau

von Dietrich Roeschmann

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Latifa Echakhch, Les Géants, 2015 (l.), Ausstellungsansicht: Stefan Altenburger
Latifa Echakhch (*1974) hat seit jeher ein Faible für Rätsel und Ruinen. Dass es die in Marokko geborene und in den französischen Voralpen aufgewachs­ene Wahlschweizerin ihrem Publikum damit nicht immer leicht macht, konnte man schon vor drei Jahren im Kunsthaus Zürich erleben. In der wenig gemütlichen Transitzone zwischen Museumsshop und Treppenhaus hatte sie hier eine ramponierte Zirkusarena eingerichtet, in der vereinzelt Requisiten herumlagen wie stumme Zeugen einer unbekannten Katastrophe. Schwer zu entscheiden, was hier mehr beunruhigte: die Melancholie oder die seltsame Ratlosigkeit, die einen angesichts dieses betont beiläufigen Arrangements aus Clownschuhen, Jonglierkeulen, Reitgerten und Bällen ergriff. 

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Latifa Echakhch, La dépossession, 2015 (r.), Ausstellungsansicht: Stefan Altenburger
Kaum weniger verrätselt und dennoch seltsam plakativ präsentiert sich die Einzelschau, die Echakhch derzeit als Trägerin des Zurich Art Prize 2015 im Haus Konstruktiv zeigt. Da stehen in der Ausstellungshalle fünf riesige Karnevalspuppen, montiert auf hölzerne Tragekonstruktionen, wie abgestellt nach einer folkloristischen Prozession durch ein namenloses Dorf zur Feier eines nicht näher bekannten Ritus. Der starre Blick dieser seltsam tumben Giganten mit ihren monströsen Händen, die ihnen von den Schultern baumeln, geht ins Leere – und damit konsequent vorbei am sorgfältig drapierten Chaos, das im Zentrum dieses Settings steht. Wie die Momentaufnahme vom Abbau einer Theaterkulisse schwebt hier ein in Himmelblau gehaltener Bühnenprospekt von der Decke. Über die verknitterte, halb zu Boden gerutschte, halb in der Luft baumelnde Textilbahn ziehen weiße Wölkchen. Der Titel „La dépossession” – die Enteignung – liefert den Schlüssel für dieses Metapherntheater: Es geht um den drohenden Verlust individueller und kultureller Identität in der globalisierten Welt. Doch die Sache hat einen Haken: Der eingestürzte Himmel, die Isoliertheit der volkstümlichen Figuren, die unschwer als Repräsentanten des Anderen entzifferbar sind, und die kalte Stille, die über der verlassenen Szene liegt – all das hat etwas Manieristisches, fast Pathetisches, das kaum mehr produziert als ein großes Raunen. Deutlich subtiler umkreist Echakhch das gleichermaßen utopische und dystopische Potenzial von Verlust und Leere in ihrer zweiten Arbeit „Screen Shot” im ersten Obergeschoss. Auf fünfzehn Paravents, die sie zu einem labyrinthischen Parcours angeordnet hat, hängen in schwarze Tinte getränkte Kleidungsstücke, wie auf der Flucht zurückgelassen an einem der Grenzzäune dieser Welt. In feinen Spuren rinnt die Farbe hier über die unberührte Leinwand und markiert so auf ebenso poetische wie selbstbewusste Weise den Raum zwischen Erinnerung und Erwartung, der nicht zuletzt vor dem Hintergrund der aktuellen Migrationsbewegungen immer auch ein politischer ist.                

 

Latifa Echakhch, Screen Shot
Haus Konstruktiv
Selnaustr. 25, Zürich.
Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 11.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 31. Januar 2016.

 

Bilder:

 

 




Haus Konstruktiv