07/12/15

Der Skulptur die Figuration austreiben

Auf die Form folgt am Ende die Form: Eine Gruppenschau im Kunstraum Alexander Bürkle enfaltet das ganze Potenzial dieser Tautologie

von Manuel van der Veen
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Johanna von Monkiewitsch, im Vordergrund o.T. (4. Juni 2015 12:02), 2015, Ausstellungsansichten Kunstraum Alexander Bürkle, Freiburg, Fotos: Bernhard Strauss
Das Verb „folgen“ trägt in sich ein Orientierungsproblem. Eine Folgerung funktioniert im Danach oder im Parallelen. Auf jeden Fall ist es intentional. Wenn also eine Ausstellung unter dem Titel „Form folgt“ zu einem lebendigen Dialog zwischen Künstlergenerationen einlädt, die sich vom einschränkenden Begriff der Skulptur emanzipieren und über Körper nachdenken, verspricht das spannend zu werden. So wird die Ausstellung im Kunstraum Alexander Bürkle vom ältesten Künstler, Walter Schelenz (1903-1987), eröffnet. Seine Forschung beginnt der Skulptur das Figurative auszutreiben. Und so quellen bei ihm Röhren-Linien durch den Raum, umschlingen die Luft und ranken sich organisch um geometrisch-statische Gebilde. Von der Erfindung zum Finden. Große Namen der Begründer von Minimal-Art finden sich im dritten Raum. Allen gemeinsam ist die stetige Wiederholung banal-basaler Objekte. Kombination ist Schöpfung. So umfängt und erwärmt Flavins (1933-1996) Lichtsituation die feine Oberflächenstruktur von Judds (1928-1994) kühlem Industriematerial, dessen Binnenraum ein geheimnisvoll-sinnliches Schattenspiel eröffnet und Carl Andres (*1935) Stäbe vervielfältigen sich rechnerisch-endlos als Dreieck in den Raum hinein, beinahe wie das Licht. Dazwischen: Erwin Heerichs (1922-2004) architektonisch wirkende Objekte aus Karton, autonome plastische Gedanken. Allgemein-geometrisch und massiv-spezifisch. Simple Formen subtrahieren das Material und addieren beeindruckend die Leere. Zwei Körper, die sich gegenseitig durchdringen und makellos-einfach das Ideal errechnen.

Konsens nachfolgender Künstler ist die Transparenz greifbarer Objekte. Körper, die indirekt alles zu berühren scheinen und sich dem Festhalten entziehen. Johanna von Monkiewitsch (*1979) ist ein echter Lichtblick, beschäftigt sie sich doch altmeisterlich-innovativ mit diesem Medium. Sie trickst zwischen anwesendem Raum und ablenkender Illusion. Kleine Betonwinkel eröffnen auf dem Boden eigene virtuelle Räume, deren aufgemalte Schatten zeitliche Koordinaten inkarnieren. Kann man um ein solches Werk noch herumlaufen? Ihre Intelligenz ist sinnlich schön und theoretisch komplex. Und an der Wand die Minimalplastik: gefaltetes Papier.

Der nächste Raum verweigert den Durchblick. Paul Schwers (*1951) „Baos“ aus Plexiglas kriechen wie geschmolzene Nebelfetzen über einen roten Teppich. Die immaterielle Oberfläche, körperlich zum wellenden Tuch gekrümmt, faltet das Außen nach innen, um das Licht gebrochen-flatternd durchscheinen zu lassen. Auratische In-Situ Konstellationen, die im Entzug den Blick auf sich ziehen. Zwei Künstler, die den Grenzbegriff ausloten. So bewegt sich Günther Holder (*1962) zwischen Malerei und Objekt, zwischen Farbumriss und Sägeschnitt. Amputierte organische Formen präsentieren ihr hölzernes Inneres und das Äußere absentiert sich in die feucht-glänzende Farbe. Welches Volumen hat ein Spiegel? Markiert ein Schnitt das Ende? Der Standpunkt von Nikola Ukics (*1974) Plastiken erscheint beständig im Moment des Wegrollens. So entgleitet ihm ein Großteil der Kontrolle über den sich ausdehnenden PU-Schaum. Wie vollgestopfte Müllsäcke, die den Sinn ihrer mit Materialität bedruckten Oberfläche unaufhörlich verzerren. Es lohnt sich nach diesen Objekten, noch einmal den ersten Raum aufzusuchen, um Schelenz‘ Bronze-Skulpturen wachsen zu sehen. Die eingegossene Monumentalität macht den Umraum sichtbar und nimmt ihn beständig weiter ein. Durchweg wird hier die Skulptur als offener Körper thematisiert. Die Form folgt letztlich eben der Form. Eine Tautologie, die immer wieder etwas Neues aus ihren Bahnen und hinein in den Raum wirft.   

 

Form folgt.
Kunstraum Alexander Bürkle
Robert-Bunsen-Str. 15, Freiburg.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag, Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 28. Februar 2016.

 

 

 




Kunstraum Alexander Bürkle