04/12/15

Zurück zum Ursprungsmythos

Die Ausstellung "Black Sun" in der Fondation Beyeler sucht Referenzen zwischen der letzten futuristischen Ausstellung "0,10" und der Gegenwart

von Annette Hoffmann
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Wladimir Tatlin, Eck-Konterrelief, 1914, Staatliches Russisches Museum Sankt Petersburg
Lawrence Weiner sieht es mit der gebotenen Nüchternheit: So ein Winkel ist auch nichts anderes als die Ermöglichung einer schrägen Position innerhalb eines horizontalen Kontextes. Weiners Textarbeit „Placed at an angle that allows the assumption of an oblique position within a horizontal context“ von 1999 ist in der Fondation Beyeler nicht nur über das Eck platziert wie einst Kasimir Malewitschs berühmtes schwarzes Quadrat, er versagt ihm zugleich alles Raunende. Kein Wort darüber, dass das Bild dort platziert war, wo in orthodoxen Haushalten die Ikone zu finden war und dass das existentielle Schwarz zum End- oder auch Neubeginn der Malerei und der modernen Kunst werden sollte. Nicht, dass die Ausstellung „Black Sun“ so gar nicht das Neue beschwören würde, das Malewitsch mit diesem Bild forcierte, doch einige ironische Kontrapunkte gelingen ihr. Die Ausstellung flankiert die Schau „Auf der Suche nach 0,10. Die letzte futuristische Ausstellung der Malerei“ und sucht Referenzen in der Gegenwart. Dabei bezieht sich der Titel auf die Oper „Sieg über die Sonne“, für die Kasimir Malewitsch 1913 das Bühnenbild entwarf und erstmals sein schwarzes Quadrat zeigte. Den Werken von „Black Sun“, die sich über zehn Räume der Fondation erstrecken, ist das Schicksal der Avantgarde – zweimal gespielt und dann rekonstruiert – weitgehend erspart geblieben.

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Damien Hirst, Black Sun, 2004, Foto: Prudence Cuming Associates Ltd., © Damien Hirst and Science Ltd., 215 ProLitteris, Zürich
In der Fondation nutzt man die Ausstellung auch für eine Neuhängung der Sammlung. Viele Bezüge wirken gesucht. Dass Gerhard Richters Schwarz das Grau ist, muss nicht viel mit Malewitsch zu tun haben. Interessanter ist der zweite Teil der Ausstellung. Dort ist etwa Sigmar Polkes Arbeit „Moderne Kunst“ aus dem Jahr 1968 zu finden. Auf einem von einem weißen Rahmen umgrenzten Viereck sind Kreuze, Kringel, farbige Kanten, Ziffern und Winkel gemalt, auch ein Farbspritzer in Rosa darf nicht fehlen. „Moderne Kunst“ behauptet der in Druckbuchstaben gemalte Titel. Es scheint, Malewitsch hat sich ganz umsonst die Mühe gemacht. Die Leinwand sieht nach einer Zusammenführung von all dem aus, was nach 1915 für moderne Malerei stehen konnte. „Black Sun“ verfolgt einerseits die Linie der geometrischen Form, andererseits die radikale Gegenstandslosigkeit. Der Minimalismus ist also durchaus stark vertreten, obgleich die Nähe hier eher behauptet wird. Manche Künstler jedoch beziehen sich unmittelbar auf Malewitsch. Rosemarie Trockels 1990 entstandenes Strickbild „The Beauty and the Beast“ ist eine „Hommage an Malewitsch“. Es zeigt ein graumeliertes und ein schwarzes Viereck in einem Bild. Und dann ist da noch Damien Hirsts „Black Sun“ 2004, das die Form eines Tondos hat. Wäre es wirklich eine Sonne, Unmengen von Fliegen würden sie verdunkeln. Das Symbol der Sonne bekommt durch die toten Insekten, aus denen die Kreisform besteht, fast etwas Dämonisches. Auf eine ganz andere Weise gelingt Jenny Holzer ein ähnlicher Eindruck. Sie zeigt Seiten, die vom FBI, der CIA und dem Militär mit schwarzen und farbigen Blöcken zensiert wurden. Das Ungeheure kann manchmal sehr abstrakt sein.        

 

Black Sun
Fondation Beyler
Baselstr. 101, Basel-Riehen.
Öffnugnszeiten: Montag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 10. Januar 2016.




Fondation Beyeler