02/12/15

In der Welt der Megazeichen

Wie Andreas Gursky im Museum Frieder Burda die Wirklichkeit rekonstruiert

von Florian Weiland

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Andreas Gursky, Installationsansicht © Museum Frieder Burda, Baden-Baden
Flughafen Frankfurt, die Abflughalle. Die Anzeigetafel der Abflüge ist riesengroß, die Menschen darunter verschwindend klein. Eine ungewöhnliche Perspektive. Auch die Beleuchtung ist irgendwie merkwürdig. Und doch ist sich der Betrachter sicher: genau so sieht es am Frankfurter Flughafen aus. Gerade nicht! Der reale Ort ist von Andreas Gursky (*1955) neu interpretiert worden. Das Bild ist komplett am Computer entstanden.

Andreas Gursky lädt ein zu einer Reise um die Welt. Er macht Station in Pjöngjang, Kairo, Bahrain und Chicago. Am Anfang steht das Foto. Immer noch. Dann erst folgt die digitale Nachbearbeitung. Auf diese Weise kreiert Gursky Bildwelten, perfekt arrangiert und präziser als sie in der Wirklichkeit zu finden sind. Eine Formel 1-Rennstrecke in der arabischen Wüste besticht durch ihre ornamentalen Struktur, das hektische Treiben in der Börse von Chicago scheint einer perfekt ausgearbeiteten Choreografie zu folgen, der Rhein wird zu einem abstrakten Kunstwerk. Nein, so sieht der Fluss nicht aus. An keiner Stelle. Und doch ist alles stimmig. Die leichten Wellen, die Landschaft, die Lichtstimmung. Gurskys Bilder überwältigen allein schon durch ihre Größe. Keine Abbildung in einem Katalog kann dies widerspiegeln. Gursky muss man im Original sehen. Doch der Fotograf kann auch anders. In der Ausstellung finden sich auch einige wenige Kleinformate. Und diese Bilder sind nicht minder spannend. Doch gegen die monumentalen Fotoarbeiten haben sie kaum eine Chance. Gurskys Kompositionen sind technische und bildnerische Meisterwerke. Seine Bilder versteht der Künstler als Reflexionen über die äußere und innere Erscheinung der Welt. Sie strahlen Schönheit und Perfektion aus, selbst wenn er eine Müllhalde als Motiv wählt. Gursky hat eine Vorliebe für außergewöhnliche Perspektiven. So wird die Cheops Pyramide zu einem gewaltigen Berg und das Luftbild der Antarktis gleicht einem abstrakten Gemälde.

Gursky zeigt uns Regale von Nobelboutiquen und Billigkaufhäusern. Beide sind Spiegelbilder unserer Gesellschaft. Er setzt Superhelden wie Spider-Man und Batman in gänzlich ungewohnter Weise in Szene. Er entführt uns auf ein Popkonzert und zeigt uns das nächtliche Zeltlager des Kirchentages. Die scheinbar endlosen Menschenmassen verschwimmen in der Dunkelheit. Einen ganz anderen Charakter hat der inszenierte Massenauflauf in Nordkorea. Nicht das einzige politische Motiv der Ausstellung. Ein Hingucker ist auch sein Portrait der vier letzten deutschen Bundeskanzler. Ein Portrait? Gursky wäre nicht Gursky, wenn er sich für ein herkömmliches Portrait entschieden hätte. Er zeigt die vier Politiker von hinten, an den unteren Bildrand gerückt. Ein Statement über die Macht und die Mächtigen. „Rückblick“ nennt Gursky diese erst in diesem Jahr entstandene Arbeit und lässt vergessen, dass dieses Treffen der vier Kanzler in dieser Art nie stattgefunden hat.

Dem Betrachter bleibt Raum für eigene Deutungen. Ist es Zufall, dass sich Angela Merkel von Helmut Kohl abwendet? Und was will er uns mit der tristen Außenfassade eines Toys'r'us-Warenlagers sagen? Eine versteckte Konsumkritik oder soll das bunte Label eine Verheißung sein, dass einen Ausweg aus der Tristesse des nichtssagenden Industriegebiets weiß? Seine Bilder seien, erklärt Gursky, „immer von zwei Seiten komponiert. Sie sind aus extremer Nahsicht bis ins kleinste Detail lesbar. Aus der Distanz werden sie zu Megazeichen“. Besonders gut zu beobachten ist dieses Prinzip in der „Paris, Montparnasse“ betitelten Fotoarbeit. Wir sehen einen gewaltigen, scheinbar durch und durch anonymen Wohnblock. Doch tritt man näher heran, erkennt man die Zeichen der Bewohner. Es lohnt sich immer, genauer hinzuschauen.   

 

Andreas Gursky.
Museum Frieder Burda
Lichtentaler Allee 8b, Baden-Baden.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis18.00 Uhr.
Bis 24. Januar 2016.
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen:
Steidl Verlag, Göttingen 2015, 152 S., 38 Euro | 49.90 Franken.

 

 

 

 




Museum Frieder Burda