10/05/12

Meister der Metamorphose

Die Kunsthalle Bern widmet dem italienischen Künstler Luigi Ontani seine erste Soloshow in der Schweiz.

von Helen Lagger
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Pink und Gold, Masken und Mythologie, opulente Spiegel und geheimnisvolle Sekretäre: Wer zurzeit die Kunsthalle betritt, gerät in einen märchenhaften Kosmos, geschaffen von Luigi Ontani, dem 1943 in einem kleinen italienischen Dorf geborenen und in Rom lebenden Meister der Metamorphosen. Meist benutzt Ontani sich selbst als Modell, inszeniert sich in golden gerahmten Fotografien mal als Bacchus, mal als Heiliger Sebastian, dem von Pfeilen durchbohrten Jüngling. Dann begegnen uns seine Gesichtszüge im Porträt von Leonardo da Vinci, in der Figur des Pinocchio oder des Christopher Columbus. Manche dieser Bilder erinnern an die Fotos des Künstlerduos Pierre et Gilles, in dessen Werk Selbstinszenierung, Travestie und das Verwischen von Geschlechterrollen eine ebenso grosse Rolle spielen. Ein Narzisst? Der berühmte Kunsthistoriker Peter Weiermair drückte es treffender aus: Er beschrieb den Künstler als einen poetischen Katalysator, der im Zentrum seiner Arbeit steht und die Kluft zwischen Kunst und Leben für sich selbst geschlossen hat. Dieser durch Raum, Zeit und Kultur reisende Flaneur leistet mit seiner ständig wechselnden Identität Widerstand gegen alle sozialen Normen und Diktate. Eine kleine Zeichnung mit dem Titel „Pregiudizio“, italienisch für Vorurteil, lässt ahnen, dass dieser Paradiesvogel wohl nicht umsonst als junger Mann sein Dorf verliess und nach Rom zog.

Gegen Vorurteile musste sich einst auch seine verspielte Kunst behaupten. In den Sechziger- und Siebzigerjahren, als in Italien die Arte Povera die Welt eroberte und die Kunst sich selbst gerade sehr ernst nahm, muss Ontanis Werk beinahe ketzerisch frivol gewirkt haben. Was heute etliche Gegenwartskünstler tun – nämlich mit traditionellen Kunsthandwerkern zusammenarbeiten – machte Ontani als einer der ersten. Seine vor Fantasie überbordenden Hybrid-Skulpturen lässt er von einem Keramik-Meister ausführen. Speziell für die in der Kunsthalle von Gastkurator Andrea Bellini konzipierte Ausstellung „BernErmEtica“ schuf Ontani einen mit einem goldenen Helm ausgestatteten Bären, bei dem er sich von der auf dem Zähringerbrunnen thronenden Figur inspirieren liess.

Als figurativer Künstler sei er immer bezeichnet worden, erklärte Ontani während eines Künstlergesprächs in der Kunsthalle Bern. Doch er selbst sähe das anders. Seine Figuren und Inszenierungen hätten niemals eine darstellende Funktion, vielmehr handle es sich um Fantasien, die sich aus unterschiedlichsten Versatzstücken zusammensetzten. Am ehesten könnte man sein Vorgehen wohl als „Aneignungskunst“ bezeichnen, bei der bereits bestehende Kunstwerke zitiert und zu etwas ganz Neuem zusammengefügt werden. Bei Ontani sind es östliche und westliche Mythologie, Antike und Moderne oder auch die Pole männlich und weiblich, die ihn zu seinen Chimären anregen.

Eines der geheimnisvollsten Exponate ist ein aus Keramik gefertigter Sekretär auf dem nebst allerlei mythologischen Figürchen – ebenfalls aus Keramik gefertigte – Bücher stehen. Als Ontani mit höchster Vorsicht zuerst die Tischplatte und dann die Schubladen des Sekretärs vor dem versammelten Publikum öffnete, erinnerte er in seinem dunkelgrünen mit einer Brosche verzierten Nadelstreifenanzug an einen Dandy des 19. Jahrhunderts. In dem Schublädchen kam schliesslich ein vergoldeter Stein zu Vorschein. Eines von vielen kleinen Objekten, die im Inneren des Kunstwerks verborgen sein sollen. Seine „Bibliothek“ widerspiegelt natürlich ihn selbst: Robert Walsers „Der Spaziergang“ steht nebst einem Buch über Performances, die der Künstler in den Sechzigern durchführte. Wer sich auf diese Retrospektive einlässt, die den Bogen von frühen Videos und Performances bis zu seinem Spätwerk spannt, wird selbst ein bisschen zum Flaneur, zum Reisenden durch Ontanis Fantasien.

Luigi Ontani: BernErmEtica
Kunsthalle Bern

Helvetiaplatz 1, Bern.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 27. Mai 2012.
Kunsthalle Bern