25/11/15

Air-Bags

Romuald Hazoumè geht in der Sammlung Die Mobilar mit Sarkasmus gegen die Doppelmoral des Westens an

von Dietrich Roeschmann

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Romuald Hazoumè, Ayoyo, 2013, © Romuald Hazoumè, ADAPP, 2013, courtesy Galerie MAGNIN-A, Paris
Kürzlich gründete Romuald Hazoumè eine NGO, die sich um verarmte Menschen in Europa kümmert. Eine gute Idee, könnte man meinen. Immerhin leben heute rund neun Prozent der EU-Bürger unterhalb der Armutsgrenze. Allerdings: Hazoumès Hilfsorganisation hat ihren Sitz im westafrikanischen Benin. Zum Vergleich: 2014 betrug das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt in Benin 760 Euro, das in der EU knapp 26.000 Euro. Absurd? Stimmt. Doch genau um solche Irritationen geht es Hazoumè. Mit seinem simplen Rollentausch zwischen Spender und Empfänger hebt er kurzerhand die gängigen Klischees der durch Kolonialismus und postkoloniale Krisen geprägten Wahrnehmung Afrikas aus den Angeln. Spätestens seit seiner Teilnahme an der documenta 12 gehört Hazoumè zu den bekanntes­ten Künstlern seines Landes. Im Zentrum der Installation „Dream”, die er dort zeigte, stand ein Flüchtlingsboot, das er aus zerschnittenen Benzinkanistern zusammengebaut und mit einer Botschaft versehen hatte, die bis heute nichts an Aktualität verloren hat – im Gegenteil: „Verdammt wenn sie gehen und verdammt wenn sie bleiben; besser, wenigstens, gegangen zu sein und zu scheitern im Boot ihrer Träume”.

Auch für seine jüngsten Arbeiten, die derzeit in einer packenden Schau in der Berner Mobiliar zu sehen sind, verwendete Hazoumè vor allem Plastikkanister. In Benin dienen sie dem Schmuggel von Benzin aus dem benachbarten Nigeria, einem hochexplosiven Geschäft, bei dem jährlich Dutzende ihr Leben lassen. In Bern hat Hazoumè sie nun zu beängstigend labilen Air-Bag-Installationen verbaut, in denen sich sarkastischer Humor mit einer fundamentalen Kritik an der Doppelmoral des Westens paart, und zu seltsam elegant und zugleich grotesk wirkenden Yoruba-Masken aus Müll. Stumm glotzen sie von den Wänden, flankiert von dokumentarischen Aufnahmen gut sortierter Öl-Schwarzmärkte, auf denen in eindringlicher Weise die fatale, von internationalen Konzernen und einer lokalen Schattenwirtschaft gleichermaßen in Gang gehaltene Dynamik greifbar wird, mit der sich Afrikas Reichtum an Bodenschätzen so konsequent in bittere Armut verwandelt.        

 

Romuald Hazoumè
Mobilar. Die Sammlung
Bundesgasse 35, Bern.
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 7.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 5. Februar 2016.

 




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