24/11/15

Der Souverän ist eine Hydra

Eine Gruppenschau im Württembergischen Kunstverein kreist knallig bis kopflastig um die Dispositive der Macht

von Christian Hillengaß
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José Pérez Ocaña, Glorreiche Himmelfahrt/Heiliges Schwulenherz, 1982, courtesy Pere Pedrals, Barcelona, © Foto: MACBA
Am Beginn des 21. Jahrhundert ist Souveränität längst nicht mehr allein bei einem Herrscher oder in konkreten nationalstaatlichen Institutionen zu verorten. Der Souverän, also die Kraft, die hinter einer Herrschaftsordnung steht, zeigt heute viele Gesichter und spielt dabei – subtil oder offensichtlich – seine Dominanz aus. Ist der Souverän also eine vielköpfige Bestie? Oder ist er derjenige, der den Bestien gegenübersteht, sie zur Ordnung bringt?

Mit dem Titel „Die Bestie und ist der Souverän“ übernimmt die aktuelle Ausstellung im Württembergischen Kunstverein nicht nur die Überschrift der letzten Lehrveranstaltung, die der französische Philosoph Jacques Derrida von 2002 bis 2003 gehalten hat. Sie macht auch die zentralen Denkfiguren seiner Veranstaltung zum Programm, indem sie den sinnbildlichen Gegensatz von Souverän und Bestie, von Ordnung und ungebändigten Kräften, von Herrscher und Beherrschten, in mehreren Bereichen durchspielt. Vier Felder, auf denen Souveränität ausgetragen wird, werden so eröffnet. Sie strukturieren die Ausstellung und können grob als das Feld der Religion, der Ökonomie, der modernen Institutionen und das der sexuellen Normative umrissen werden.

Anhand der Exponate von rund 30 internationalen Künstlerinnen und Künstlern wird dabei beleuchtet, wie Souveränitätserscheinungen mit künstlerischen Mitteln identifiziert, hinterfragt und – vor allem – dekonstruiert werden. Die ganze Schau ist eine Abfolge der Dekonstruktion von bisherigen normativen Ordnungen. Alles, von den Geschlechterrollen über ökonomische Strukturen bis hin zu Mensch-Tier-Unterscheidungen wird angezweifelt, zerpflückt, unterwandert, verwechselt und vermischt bis letztendlich nichts mehr auf dem anderen steht.

Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Beschäftigung mit Sexualität, Leiblichkeit und Geschlecht durch die Schau: Der Körper als unterworfenes oder dissidentes Subjekt wird als Schauplatz von Souveränitätskonflikten thematisiert. So zum Beispiel durch den iranischen Künstler Ghasem Hajizadeh (*1947), der mit seinen Malereien den konservativen Habitus von gängigen Hochzeits- und Familienfotos mit einer queeren Ästhetik unterlegt. Ähnlich der Spanier José Pérez Ocaña (1947-1983), der katholische Heiligendarstellungen als homosexuelle Ikonen vereinnahmt. In der Videoarbeit „Manifest der Pandrogynität“ von Aldo Lee und Genesis Breyer P-Orridge (*1950) berichtet Letzterer gemeinsam mit Lady Jaye über die operativ und hormonell betriebene Angleichung ihrer beiden Körper hin zu einer pandrogynen, zugleich weiblichen und männlichen Geschlechtsidentität.

An die vereinnahmende Darstellung der Leiblichkeit eines konkreten Souveräns hat sich die Österreicherin Ines Doujak (*1959) gemacht. Ihre Skulptur „Not Dressed for Conquering“ zeigt einen Schäferhund, der eine bolivianische Aktivistin von hinten besteigt, die wiederum in gleicher Pose über einen nackten, am Boden knienden Mann herfällt. Die Ähnlichkeit des Mannes mit dem spanischen Exkönig Juan Carlos sorgte für einen Skandal, als der Direktor des Museums für zeitgenössische Kunst in Barcelona (MACBA), wo die Schau in diesem Frühjahr gezeigt wurde, die Skulptur aus diesem Grund entfernen lassen wollte. Zwar beugte er sich dem internationalen Protest und ließ die Schau unangetastet, trat jedoch selbst zurück und entließ in letzter Amtshandlung die beiden Kuratoren des MACBA Valentín Roma und Paul B. Preciado fristlos. Viel Lärm um ein recht plattes Kunstwerk. Aber zumindest wird die Thematik der ansonsten sehr verkopften Ausstellung dadurch etwas anschaulicher.     

Die Bestie und ist der Souverän.
Württembergischer Kunstverein
Schlossplatz 2, Stuttgart.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr, Mitwoch 11.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 17. Januar 2016.

 




Württembergischer Kunstverein