23/11/15

Meister der Oberfläche

Die Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung feiert den Modemacher Jean Paul Gaultier in einer manisch gut gelaunten Retrospektive

von Roberta De Righi
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Jean Paul Gaultier, From the sidewalk to the Catwalk, Ausstellungsansicht Kunsthalle München, 2015
Ihm haben wir die Kombination Tutu zur Lederjacke zu verdanken und Madonnas Domina-Outfits im Spitzbusen-Korsett, hautenge Matrosen-Pullis im Ringel-Chic und Männer-Röcke ohne Schotten-Karo: Jean Paul Gaultier, kurz JPG. Camouflage und Ethno-Muster, Satin und Latex, Netz und Nieten, Hai-Noppen und Kalbsleder, Papageienfedern und Pythonhaut – nur das Leopardenfell ist aus Perlen gestickt. Das war einmal Fashion-Avantgarde, und dass Gaultier ein Material-Magier und Meister der Oberfläche ist, zeigt nun auch die Schau „From the Sidewalk to the Catwalk“, die in der Kunsthalle München 140 kühne bis krude, aber handwerklich stets perfekte Kreationen präsentiert. Sie ist letzte Station einer Tour, die von Montreal und Paris um die Welt reiste.

Weil man bei mehr als 40 Schaffensjahren schon mal den Überblick verlieren kann – und in der Mode ja ohnehin alles wiederkehrt –, verzichtet die museale Bombast-Inszenierung auf jede Chronologie. Stattdessen versucht sie sich an einer thematischen Ordnung der kreativen Eruptionen Gaultiers und lockt das Publikum in sieben Kapiteln von der „Odyssee“ über „Punk-Cancan“ zur Braut-Show durch seinen schillernden Kosmos. Die Ausstellung will dabei nichts weniger als das Publikum zum Dauer-Staunen zu bringen: Mit Spiegelwänden und Lichteffekten, und vor allem mit Schaufensterpuppen, die per Beamer blinzeln und sprechen – allerdings ohne die künstlerische Verfremdung der Gesichts-Projektionen eines Tony Oursler aus den 1990er Jahren.

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Inez van Lamsweerde & Vinoodh Matadin, Vogue-à-porter, veröffentlicht in Vogue Paris, Februar 2010, © Inez van Lamsweerde und Vinoodh Matadin, courtesy  Gagosian Gallery
Aus einem Matrosen-Dummy tönt gar die Stimme des Meisters selbst. Überhaupt scheint für Jean Paul Gaultier, wie die Pressekonferenz offenbarte, das Reden über sich die zweitschönste Nebensache der Welt zu sein. Amüsant ist es jedenfalls, wenn das einstige „Enfant terrible der Haute Couture“, mittlerweile 63 Jahre alt, aus dem Nähkästchen plaudert. Ob über den Schönheitssalon seiner Großmutter oder die Tatsache, dass er sich als 19-Jähriger nur mit Mama traute, der Einladung Pierre Cardins, dessen Assistent der ungelernte Jungspund wurde, zu folgen.

Eine frühe JPG-Ikone ist auch zu bewundern: Teddybärin „Nana“, der er schon als Kind einen Konus-Bra bastelte. Seine Haare, früher blond gebleicht, sind inzwischen echt weiß, wie der Laufsteg-Animateur kokett berichtet. Für Menschen, die den Irrsinn des Mode-Business nicht gewohnt sind, wirkt das permanent affirmative, demonstrativ gut gelaunte Geplapper wie Gehirnwäsche, aber die Stimmung im Saal stieg trotzdem mit jeder wohlkalkulierten Pointe. Potenzielle Kundinnen wollen das natürlich gerne hören: Frauen sind einfach klüger, cleverer und härter als Männer, lautet Gaultiers Credo. Und, wie Kurator Thierry-Maxime Loriot betont: Es gehe um Toleranz, nicht um Mode. Jeder ist willkommen in Jean Pauls Welt, ob üppig wie Beth Ditto oder knochig wie Nadja Auermann, androgyne Models wie Tanel Bedrossiantz oder Frauen, die auf Kerl machen. Da ist es nur folgerichtig, dass auch die bärtig-fragile Conchita Wurst als Muse in den schrillen Gaultier-Kosmos eingegliedert wurde, in dem sich daneben Pop-Amazonen und Großstadt-Krieger, Maria Immaculata und die Queen mit Irokesen-Kamm treffen. Doch der royale Pomp und die Aura der Heiligen sind stets Behauptung und werden lustvoll dekonstruiert. Augenzwinkernde Scheinheiligkeit als Prinzip.

Immer wieder wird auch das Drunter zum Drüber, nicht nur beim berühmten Korsett-Käfig, sondern etwa beim Kostüm mit Skelett-Applikation für Ditta von Teese oder im Modell „Gehäutet“ mit freier Sicht auf Muskelfasern. Weil Gaultier Folklore mag, bei deren Motiven er sich seit seinen Anfängen bedient, bleibt in München auch die Lederhose nicht verschont. Der Meister hat sie mit einem nudefarbenen Korsett vernäht – mehr PR-Gag als Geniestreich. 

 

Jean Paul Gaultier: From the Sidewalk to the Catwalk.
Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung München
Theatinerstr. 8, München.
Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag 10.00 bis 20.00 Uhr. Bis 14. Februar 2016.
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Knesebeck Verlag, München 2015, 288 S., 35 Euro | ca. 49.90 Franken.




Kunsthalle der Hypo Kulturstiftung