26/11/15

Malerische Raumforschung

„Don’t Fuck with Y“: die Künstlergruppe Longitude entzieht dem Raum seine ordnenden Koordinaten

von Manuel van der Veen

_GS_9036+9045.jpgDon't Fuck With Y, Ausstellungsansicht Orgelfabrik Karlsruhe-Durlach, 2015, Foto: Stefan Schanzenbach
Y + X + Z, die Achsen des Koordinatensystems, ermöglichen es, Punkte in einem Raum zu verorten. In der Karlsruher Ausstellung "Don't Fuck With Y", die derzeit in der Orgelfabrik in Karlsruhe-Durlach zu sehen ist, gibt es unzählige Standorte – persönliche wie idealisierte –, die dem Betrachter die ausgestellten Arbeiten nahebringen, und jeder Standort rückt sie in ein neues, sich ständig veränderndes Verhältnis zur Gesamtsituation. Die Gruppe Longitude verteilt Desorientierungspunkte im sakralen Altbau-Raum der Orgelfabrik. Man muss im Kreis gehen oder im Zick-Zack, vielleicht ein wenig tanzen. Einfaches Vorbeischlendern liefert kein Ergebnis. 

Frida Ruiz empfängt den Beschauer mit großen, frei im Raum hängenden Ringen. Die schrumpfenden Dimensionen erzeugen einen Röhrensog, der den Blick durch sich hindurchzieht. Gibt man dem nach, dehnt sich der mittlere Radius und wird zum Zentrum zweier Hemisphären. Der Umlaufbahn folgend, sinkt die Temperatur von knallbunten zu gedämpft-schwebenden Farben und wandelt den Sog zum Formenspiel, das der dreieckigen Zirkelkonstruktion aus Violett, Gelb und Metall einen Drehimpuls verleiht. Es ist ein Machtspiel, das optische Unzulänglichkeiten herausstellt und es dem Betrachter ermöglicht, dem Werk durch Bewegung die festen Formen zu rauben – ein Spiel auf einem Feld, bei dem jeder Zug die ganze Situation verändert. 

Neben Ruiz' Arbeit legt Nadjana Mohr Rot, Gelb und Blau, als Druckerbeschriftung auf das Fundament. Papiere, die sich über das Geländer werfen, um wie Fließbänder hindurchzurollen, ein rauschender Farbfall. Leuchtende Neon-Pixelfehler, die sich in diesem kinohaften Arrangement als materiell-technische Störungen niederschlagen. Vier Bahnen, die eine von der Rolle automatisch aufgetragene und mit anatomischem Schwung vorgetragene Illusion erzählen. Reproduzierbar, das Bild läuft weiter, hat sich oben noch nicht abgerollt, assembly line. 

Fast scheint es, als werde jene Malerei von der Leuchtkraft der Arbeiten von Sanna Reitz und Konstantin Friedrich durch das schwarze Fenster projiziert. Die beiden eröffnen wohl die größte Pluralität an möglichen Desorientierungspunkten: Pulsierende Farb-Abstrahlung lässt Holz wie ein Hoverboard vor der Wand schweben. Blaues Licht verklärt und färbt das Geländer im selben Ton wie Frida Ruiz' Kreis in Violett. Wie eine herab bröckelnde Tapete fällt eine Falte von der Wand. Fragment-Kreise aus Sofamaterial, die ausgeführt die ganze Wand zerschneiden würden und Mohrs Arbeit nach oben erweitern, betten sich in den Rahmen. 

Friedrichs und Reitz' Arbeiten sind als einzelne Fenster anzusehen. Man blickt konstitutiv-verzerrt durch die eine Arbeit auf die nächste. Eine gegenseitige Durchdringung, die den Fuß und den Blick nicht ruhen, sondern im Kreis fliegen lässt. Und dazwischen immer wieder die Malereien von Melanie Dorfer, die eigene Räume entwicklen. Farbe, die eigene Formate erschließt, Formen, die Materialitäten erzeugen – und letztlich schmilzt alles als ein Hybrid zusammen und präsentiert sich als eigenständiges Sein. Das Ganze bestimmt hier seine Elemente. Die Positionen werden nicht einzeln präsentiert, sondern bedingen und erweitern sich gegenseitig, um dann singuläre Positionen lesbarer zu machen. Kein eigenständiger Standpunkt kann den Betrachter und das Kunstwerk in dieser Ausstellung befriedigen. Man sucht alle plausiblen Kombinationen und puzzelt sich den Genuss der Ganzheit zusammen.

 
Don't Fuck With Y
mit Melanie Dorfer, Konstantin Friedrich, Nadjana Mohr, Sanna Reitz und Frida Ruiz

Orgelfabrik
Amtshausstr. 17, Karlsruhe-Durlach.
Öffnungszeiten: Donnerstag und Freitag 17.00 bis 20.00 Uhr, Samstag 12.00 bis 17.00 Uhr,
Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr. Bis 29. November 2015.
 



Frida Ruiz
Nadjana Mohr
Orgelfabrik Karlsruhe-Durlach