24/11/15

Special Jahresschauen 2015/16 Teil 1

Und plötzlich diese Übersicht

von red.
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Martin Chramosta, Schlösser, 2015, courtesy the artist
Wenn Ende November die traditionellen Jahresschauen der regionalen Kunstszenen eröffnen, dürfte es wieder eng werden – nicht nur am Vernissagen-Büffet, sondern auch an den Wänden der rund 40 beteiligten Ausstellungshäuser. Über 500 Künstlerinnen und Künstler wurden in diesem Jahr von den Jurys ausgewählt, um ihre Arbeiten zu präsentieren. Es gibt also viel zu schauen. Doch was genau ist es eigentlich, was wir da zu sehen bekommen? Worum geht es den Künstlerinnen und Künstlern? Was treibt sie an?

Um das herauszufinden,  baten wir zehn Kunstschaffende, die uns in der letzten Zeit auffielen, etwas über die Arbeiten zu erzählen, mit denen sie sich am diesjährigen Panorama der Jahresausstellungen beteiligen.  


Martin Chramosta

*1982 in Zürich, lebt und arbeitet in Paris und Basel

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Martin Chramosta, Aus dem Nachlass des Malers Milos Saxl, 2013/15, courtesy the artist
Der Maler Miloš Saxl (1921-1992) wirkte eine Zeitlang in der ostböhmischen Stadt Čáslav, dem Heimatort meiner Familie. Seine kubosurrealistische Malerei mit ihren poetisch-sakralen und transzendentalen Motiven und sein Engagement verhalfen dem Kunsthistoriker zu regionaler Bekanntheit und einem Leitungsposten an der Galerie der modernen Künste in Roudnice nad Labem. Seine Werke wichen von der staatlichen Kunstdoktrin des sozialistischen Realismus ab.

Diese Doktrin wurde in der Tschechoslowakei besonders in den 1950er Jahren rigoros durchgesetzt. Ob Saxl deswegen Repressionen aus­gesetzt war, ob er seine Werke nicht mehr öffentlich zeigen durfte, ob er zu einem gewissen Zeitpunkt vielleicht sogar die Malerei deswegen aufgab, ist nicht bekannt.

Die leeren Leinwände befanden sich in seinem Nachlass. Über einen Freund des Künstlers fanden sie den Weg auf den Dachboden unseres Nachbarhauses, wo sie eine unbekannte Zeit lang lagen. Die Zeit hat Spuren hinterlassen: Die weisse Grundierung ist vergilbt, weist Griffspuren auf, ist rissig geworden. Das Leinen ist fleckig und ausgefranst. Das Holz für die Rahmung stammt vom Dachboden der Kaserne Basel, aus dem Nachlass eines unbekannten Künstlers.

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Martin Chramosta, Schlösser, 2015, courtesy the artist
Die Serie „Schlösser“, die ich an der Cantonale ausstelle, zeigt verschiedene Versionen von Hüpfburgen im Keramikmodellformat. Hüpfburgen entsprechen zwei tief empfundenen gesellschaftlichen Bedürfnissen: Spass und Sicherheit. Die beiden Begriffe tauchen aber oft als Gegensatzpaare auf. Dass diese Hüpfburgen gerade jetzt eine inflationäre Popularität erleben, ist vielleicht ein Hinweis auf die schleichende Refeudalisierung unserer Gesellschaft.

Martin Chramosta

— Cantonale Berne Jura, Centre Pasquart Biel, 6. Dezember 2015 bis 17. Januar 2016.
— Regionale 16, Fabrikculture Hégenheim, 30. November 2015 bis 10. Januar 2016.

 

 

Frida Ruiz

*1985 in Mexico City, lebt und arbeitet in Freiburg und Karlsruhe

Meine Malerei soll für den Betrachter erlebbar sein, er soll sich darin bewegen können und dadurch das Bild ständig verändern. Ich gebe meiner Arbeit einen perspektivischen Fixpunkt, einen idealen Standort, welcher gleichzeitig auch Ausgangspunkt meiner Projektion ist. Dieser kann gesucht werden, muss aber nicht.

Bei dreidimensionalen Arbeiten geht es mir vor allem um das gedankliche Spiel, um Spiegelungen oder die Ein- und Zuordnungen der Formen. Die Größe der Arbeiten und die Wahl der Farbigkeit sind entscheidend beim Erleben. Die Wirkung der Farbe kann passiv sein oder dem Bild eine Geschwindigkeit injizieren. Erst durch die Dimension der Form entsteht ihre Ausdehnung und dadurch auch die Bewegung und Lautstärke des Bildes.

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Frida Ruiz, Trompo, 2015, Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, Courtesy the artist
Ich interessiere mich für geometrische Formen. Ich übernehme sie von Kinderspielzeug bis hin zu physikalischen Formen wie dem Machschen Kegel, der die Stoßwelle der Schallgeschwindigkeit darstellt. Ihn habe ich als Vorlage für meine Arbeit für die Regionale im Kunsthaus Baselland verwendet.

 Die Idee einer Arbeit entwickele ich vor Ort und betrachte dabei den Raum als Fläche. Räumliche Hindernisse ignoriere ich und beziehe sie in die Arbeit mit ein. Am Anfang meiner Arbeit stehen Skizzen auf Papier und am Computer, die auf dem Foto des tatsächlichen Raumes entstehen.

Frida Ruiz

 

— Regionale 16, Kunsthaus Baselland, Basel-Muttenz,

— 29. November 2015 bis 3. Januar 2016.

 

Philipp Hänger

*1982 in Aarau, lebt und arbeitet in Zürich und Aarau

Schlafsäcke, so die Meinung, sollen weich und warm sein und uns in ihnen liegend aufnehmen. Nicht so ein Menhir, die in grosser Zahl aufgerichtet wurden und so zu ihrer Bedeutung als Ritualobjekte fanden. Die Menschheit begann, sie aufzustellen, als sie selber sesshaft wurde. Der Schlafsack dagegen ist das Symbol unserer Rückkehr zu einem (meist zeitlich begrenzten) nomadischen Dasein. Der „Sleeping Menhir“ ist ein Objekt des Stillstands, geschaffen aus einst sandigem, bewegten und formlosen Sediment. Die Skulptur erzählt noch von dieser Vergangenheit, indem sie auf einer Cargo-Palette als Sockel zu stehen kommt.

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Philipp Hänger, Sleeping Menhir, 2015, Courtesy the artist
In einer Sache sind Schlafsäcke und Findlinge sich jedoch ähnlich: Hinkelsteine befinden sich oft an Orten mit nachgesagter magischer Energie. Ebenso funktionieren Schlafsäcke, die uns umschliessend, verlorene Energie wiederbringen. Der „Sleeping Menhir“ bringt den kultischen Monolith zurück ins moderne Leben, er zeigt das Innere des Schlafsackes aufgerichtet als Äusseres eines Hinkelsteins, die Nähte und Oberflächen sichtbar an der Aussenseite. Die weiche, aber inzwischen versteinerte Ursprungsform wird beim Anblick sofort erahnt werden.

 

Philipp Hänger

 

— Auswahl 15, Aargauer Kunsthaus, Aarau, 5. Dezember 2015 bis 10. Januar 2016.

 

 




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