15/05/12

Heilsversprechen mit Billigmaterialien

Im Kunsthaus Bregenz erzählt Danh Võ von Missionaren und Märtyrern – und von seinem eigenen Leben.

von Administrator
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Im Kunsthaus Bregenz erzählt Danh Võ von Missionaren und Märtyrern – und von seinem eigenen Leben.7507flagge.jpg

Es ist so winzig, dass man es leicht übersieht. Zudem hebt sich das silberne Medaillon mit dem Kreuz, das wenig mehr als zwei Zentimeter misst, kaum vom Grau der riesigen Betonwände im Kunsthaus Bregenz ab. Mit diesem Kreuz verbindet sich eine besondere Geschichte, wie es so typisch für das Werk des in Vietnam geborenen Künstlers Danh Võ (*1975) ist. Es ist weit gereist und befand sich an Bord der bemannten Weltraummission Gemini 4. Später wurde es versteigert und von Danh Võ erworben.

Das Kreuz als Zeichen einer Missionierung des Weltalls? Es ist jedenfalls eine perfekte, wenngleich versteckte Überleitung zu einem der zentralen Themen der Bregenzer Ausstellung. Der Künstler, der heute in Berlin und New York lebt und arbeitet, erinnert an das Schicksal christlicher Missionare in Asien, die wegen ihres Glaubens im 19. und frühen 20. Jahrhundert den Tod fanden. Auf einer Marmorplatte, auf der zwei verwelkende Magnolienzweige liegen, sind die Namen der Märtyrer und das Datum ihrer Hinrichtung eingraviert. Postkarten, die auf kleinen Spiegeln in Bodenhöhe platziert sind, zeigen weitere Martyrien. Eine besonders drastische Darstellung illustriert die Zerstückelung eines Missionars. Der Künstler hat es auf Reinigungsschwämme gedruckt, direkt daneben lehnt ein Besen. Eine makabere Inszenierung.

Danh Võ verarbeitet in seiner unsentimentalen Konzeptkunst aber nicht nur die Geschichte seines Heimatlandes, sondern auch seine eigene Biographie. So findet sich in der Ausstellung ein Foto, das den Künstler als Kind zeigt, kurz nachdem er als Bootsflüchtling in den Westen kam, zunächst übrigens nach Dänemark, da ein dänisches Schiff die Flüchtlinge aufnahm. In Vietnam träumten er und seine Familie von einem besseren Leben in Amerika. Dieser Traum erklärt auch das ambitionierte Langzeitprojekt des Künstlers, die Freiheitsstatue im Originalmaßstab nachzubauen. Die Freiheitsstatue findet sich ebenfalls in der Bregenzer Ausstellung, allerdings nur als Motiv auf Souvenirtüten, die Võ mit Blattgold überziehen ließ. Diese Tüten bilden eine regelrechte Wandtapete, die entlang des Aufgangs zur dritten Etage verläuft. Über den Stufen hängen auch amerikanische Flaggen – auf billigem Packkarton gemalt und ebenfalls mit Blattgold veredelt. Es ist erstaunlich, dass bisher noch kein Künstler auf die Idee kam, das Treppenhaus des Kunsthauses in die Ausstellung einzubeziehen. Danh Võ versteht es glänzend, Peter Zumthors eigenwilligen Bau zu bespielen. Der Kontrast zwischen dem billigen Material, dem Blattgold und der Freiheitssymbolik lässt ahnen, dass der American Dream auch seine Schattenseiten hat. Die vermeintliche Attraktion westlicher Werte und Waren wird im dritten Stock nochmals herausgestellt. Wir stoßen auf Coca Cola-Kisten – wiederum mit Blattgold überzogen – und geöffnete Whiskeyflaschen, die ihr Aroma verströmen. Võ deutet sie als Verlockung und Heilsversprechen, denen die Menschen heute so erliegen wie früher den Märchen. Und so ist es nicht überraschend, dass der Künstler hier und im Treppenhaus Auszüge aus „Aschenputtel“ aufgehängt hat. In goldenen Lettern wird von einem armen Mädchen erzählt, dem am Ende der gesellschaftliche Aufstieg gelingt.

Ein westliches Statussymbol ist auch ein Mercedes und man kann ahnen, wie stolz der Vater des Künstlers gewesen sein muss, als er sich einen Mercedes kaufen konnte. Võ präsentiert den ausgebauten Motor dieses Wagens. Er erinnert an ein herausgerissenes Herz. Der Künstler arbeitet in seinem Werk mit Aneignungen, Zitaten und Artefakten. Viele dieser Bezüge erschließen sich nicht auf den ersten Blick und nicht ohne entsprechendes Vorwissen. Das ist eine Schwäche der Ausstellung, die auf Wunsch des Künstlers auf erklärende Texttafeln verzichtet. Dass sein Vater für Danh Võ bis heute eine besondere Rolle spielt, ist dagegen schnell zu erkennen. Phung Võ ist in die Produktion mehrerer Werke direkt einbezogen. So hat er für seinen Sohn eine Edition realisiert, die aus der handschriftlichen Kopie des Briefes eines französischen Missionars aus dem 19. Jahrhundert besteht, in dem dieser kurz vor seiner Enthauptung von seinem Vater Abschied nimmt. Dieser Missionar ist – ein weiterer Beleg dafür, wie eng die Arbeiten von Võ miteinander verzahnt sind – auf einem Foto zu sehen, das im Treppenaufgang zum zweiten Stock hängt. Danh Võ hat dieser Fotografie, auf der fünf Missionare vor ihrer Abreise nach Asien zu sehen sind, wo sie alle den Tod finden sollten, einen ebenso zynischen wie prophetischen Titel gegeben: Bye Bye.

Danh Võ: Vô Danh.
Kunsthaus Bregenz

Karl-Tizian-Platz, Bregenz.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 21.00 Uhr.
Bis 24. Juni 2012.
Am 18. Mai 2012 findet um 22.00 Uhr ein Gespräch zwischen Scott Weaver und Danh Võ statt.
Kunsthaus Bregenz